Blogs: panem et circenses

Politik, Privatsphäre, Aufklärung usw. Betrachtet man diese Bereiche und wie sie im Netz vertreten sind tun sich Abgründe auf. Das aktuelle Tagesgeschehen wird gelesen, katalysiert und auf Blogs oder sonstigen Netzpublikationen rausgeworfen. Ja Meinung pur, manches mal mit Wissen angereichert, manchmal aber auch nur den Unmut ausdrückend — egal da ist auch nicht wirklich etwas schlimmes dran. Wozu besitzt man denn die Meinungsfreiheit sonst? Aber andererseits was bringts? Glaubt man denn wirklich jemand liest diese Dinge, um der eigentlichen Sache willen? Oder ist es nicht vielmehr so, das der zünftige Rant ausschlaggebend ist? Letzteren kann man definitiv mit Einzelbeispielen entgegengesetzter Natur wiederlegen, aber man kann auch recht pauschal mit der schieren Masse wiederum derlei Kritik beiseite wischen.

Wie man es dreht und wendet es ist und bleibt panem et circenses, man glaubt heute das schlimmste per se an Demokratiefeindlichkeit vernommen zu haben? Nun man kennt Strauß Reden aus den 70ern nicht, man glaubt Neuigkeiten in puncto Verfassunguntreue bei Schäuble zu vernehmen, nur aber weil man sich nie mit dem Rest der Verfassung beschäftigt hat, die Aufzählung ließe sich beinahe endlos fortsetzen. Wir sehen die Blogs, als Beispiel herausgegriffen, wie sie doch die eigentliche Sache oft ins Gegenteil verkehren. Da wird von Politik gesprochen, da wird Sicherheit angemahnt, da wird die Gesellschaft kritisiert, da werden Projekte analysiert, tatsächlich aber treibt oft genug nur das Ego, um des Bloggens willen. Die eigentliche Sache dient nur als Basis, als Basis für Marktschreierei, um die Quote zu treiben, Bücher zu verkaufen oder schlicht das Ego zu befriedigen. Und was treibt die Quote an? Ein Disput, höflich ausgedrückt. Ein Disput bringt Quote, je härter dieser verläuft, umso größer ist der beschiedene Erfolg.

Dieses Prinzip, Brot und Spiele, letztendlich hilft der Internetpublikation zum Erfolg. Blog A basht Blog B und Blog C berichtet über das infantile bashing zwischen Blog A und B. Blog C wäre also ein Aasgeier, Blog A und B Raubtiere, die um die Beute kämpfen bzw. eventuell auch Raubtier und Beutetier. Mehr ist nicht zu erwarten und daher leitet sich davon in der Regel auch die gegen Null gehende Relevanz ab. Dieses Prinzip sieht man auf die Spitze getrieben in Polit-Talkshows, es ist vergleichbar mit Wrestling, nur eben auf einem verbalen Level. Der Zuschauer frohlockt, wenn sein Held für kurze Zeit obsiegt und legt sich danach entspannt zurück, endlich mal einer der das ausspricht. Und letzterer Spruch, das Gebaren überhaupt, nur allzu usus in und um Blogs. Man befriedigt die Popcorn-Fraktion oder gar die Voyeure, man glaubt vielleicht etwas zu bewegen und spielt doch nur mit oder man ist gar der Ansicht, der Zoff, der ist nur just for fun.

Ist es tatsächlich just for fun oder ist es ein Pfeifen im Walde, weil man irgendwie doch noch hofft vielleicht bewege ich ja jemanden? Ich würde es nicht hundertprozentig Beschreien, aber mir deucht es ist nur ein Pfeifen im Walde, der Glaube, das da doch irgendetwas wiederhallen muß. Aber warum eigentlich? Bei politischen Themen geht man davon aus, ich ebenso, der Mob, der ist zu blöde. Ist er es wirklich oder ist dieser verkannte Mob nicht einfach nur ignorant? Läßt man sich denn zu diesem Mob herab, pflegt Kontakte, offenbahren sich keine Abgründe, nur recht selten. Nein im Gegenteil, teils wunderbare Welten tun sich einem auf, man weiß es, man sieht es, kann aber doch nichts tun und es gibt auch immer etwas wichtigeres zu tun und schwupps beginnt die Desillusionierung. Nicht ob der vermuteten Dummheit, nein ob der Ignoranz, ob dem eben doch zu großen Teilen vorhandenen Wissens — nicht en detail, aber noch zu genüge brauchbar.

Ergo versagen Blogs auch in diesen Bereichen, man geht von falschen Tatsachen aus: der Dummheit des Volks. Gegen Dummheit hilft Aufklärung und man redet es sich Tag für Tag ein, bis man es selbst glaubt und jegliche andere Ursache geflissentlich verneint. Klar die Dummheit mag immer noch irgendwo auftreten, aber sie ist definitiv nicht der alleinige Übeltäter und stellt vielleicht noch nicht einmal die Majorität. Doch ist es leichter für den politischen Missionar damit umzugehen. Der christliche Missionar beispielsweise vermeinte und vermeint ebenso irgendwelchen Wilden Kultur bringen zu müssen, Aufklärung, den richtigen Glauben etc. Es macht die frohe Botschaft wesentlich einfacher, man kann seinerseits einer gepflegten Ignoranz nachgehen. Das Ende vom Lied: Wirkung gleich Null. Nicht vorhandenes Wissen auffüllen ist recht simpel, vorhandenes Wissen hingegen mit intelligenter Verknüpfung zu aktivieren eine Sisyphos-Arbeit.

Man muß auch ehrlich zu sich selbst sein, es interessiert schlicht kein Schwein, schreibt man denn recht theoretisierend über Ursachen und Folgen bestimmter Dinge, d.h. man beschäftigt sich ausschließlich mit der zugrundeliegenden Sache. Viel interessanter ist es für die Leser, wenn im Falle der Blogosphäre, eben die berühmte Sau durch selbige getrieben wird. Sprich benenne Roß und Reiter, stelle ihn an den Pranger dieses social networks, beschimpfe ihn, häng ihm noch ein Schild um und sieh zu wie der Mob der Sphäre ihn mit Unrat bewirft. Eine Szene aus früheren Zeiten, verbal herübergerettet in diese großartige, aufgeklärte Gesellschaft — bezogen auf Blogs, eben jene Gegengesellschaft.

Liest man dies hört sich das nach Vorwurf an oder gar nach einem Adieu, dem ist aber nicht so. Es ist eine Feststellung und mitunter auch eine daraus resultierende Folge für die eigene Person. Da man an die postulierten Sachen glaubt, die Gesellschaft so ist wie sie ist und man ein Teil dieser Gesellschaft ist, bleibt nur die Reaktion über nach mir die Sinflut. Denn ich weiß es auch, ich versuche mich dem entgegen zu setzen wo es eben geht, aber ich brauche nicht zu missionieren. Da dieser letztere Aspekt völlig fehl am Platz ist.
Äußern kann man sich sinnvoll imho nur, wenn man Beispiele auch nur als Beispiele gebraucht und ansonsten einem Problem allgemein auf den Grund geht, vice versa mutiert man zum Marktschreier oder fehlgeleiteten Missionar und welcher vernunftbegabte Mensch möchte dies schon?

Das Leben bietet sehr viel (mehr), die tatsächliche Zensur ist (noch) kaum vorhanden in deutschen Gefilden, sonst könnten viele gar nicht ungestraft die Dinge von sich geben wie sie es gewohnt sind, die eigentliche Zensur findet im Kopf statt, wenn man bei panem et circenses mitspielt. Wenn man sich tagtäglich die politischen Schlammschlachten um die Ohren haut, wo bleibt da noch das Leben? Man zetert täglich über unausgegorene Dinge, wird von anderen Blogs angegriffen oder greift diese mitunter selbst an, ob irgendwelcher Nichtigkeiten und verbringt letztendlich den Rest des Tages in einer eigens geschaffenen, persönlichen Blase. Da gabs mal arme Menschen in der New Economy, die haben heute auch nichts mehr.

Politik kann man behandeln, historisch betrachtet, von den Grundlagen her, tatsächliches Wissen vermitteln, das Tagesgeschehen ist weitesgehend irrelevant, jeder bekommt es auch so mit. Sicherheit, Privatsphäre kann man anhand praktischer Beispiele fördern, die politischen Hiobsbotschaften sind ebenso weitesgehend irrelevant usw., sprich die praktische Anwendung oder die theoretischen Grundlagen sind das Maß aller Dinge. Vernachlässigbar sind die täglichen Ausfälle irgendwelcher Leute in den Medien. Denn wenn ich tatsächlich aufgeklärt bin, wenn ich weiß wie ich mich schützen muß etc., dann läßt mich das Geplänkel, das tagtäglich von hunderten von Blogs versenft wird doch völlig kalt.

Denn was nutzt die Weltuntergangsstimmung? Sie hilft nicht euren Rechner vor Zugriffen zu schützen, sie hilft nicht vor Zensur, sie hilft auch nicht vor der Ausspionierung im Internet und sie trägt auch nicht zur Änderung der Gesellschaft bei. Denn auch die Gesellschaft da draußen, zu der Blogs die Gegengesellschaft bilden möchten, sieht den wahren Charakter dieser, eben doch nur ein Ableger des circus maximus.
Wenn also mal der Bundestrojaner tatsächlich einzieht und ein deutliches Plus an Überwachung, dann können die einen sagen wir haben es ja immer gesagt, die anderen aber werden sagen und wir schützten uns schon immer. Das alles nur prominente Beispiele, die man auch auf viele andere versenfte Themen des gesamten Netzes beziehen kann.

Für mich heißt das, mal abgesehen von dem einen oder anderen Link zu einer wirklich akuten Sache, good bye Politik auf diesem Blog. Rants wird es nebenher immer mal wieder geben, aber auch nur zu Dingen, die mich unmittelbar betreffen.

Alle Informationen müssen frei sein.
Mißtraue Autoritäten — fördere Dezentralisierung

Aus der Hacker Ethic des CCC

Und wenn man sich das logisch durch den Kopf gehen läßt ist das auch das A und O, alles andere folgt daraus. Geplänkel hingegen fördert nur Geplänkel. Dann lieber ein Blog mit echtem Katzencontent, der ist wenigstens interessant. Ansonsten ist man Zulieferer für die schon genannte Popcorn-Fraktion, für Voyeure, für alle jene die sich an Disputen ergötzen und last not least auch für andere Blogs, die da meinen den Höhenflug antreten zu können.

So also viel Spaß ohne mich in diesem Bereich, ich trete aus dieser Debilitätsarena ab.

, ,

6 Antworten zu “Blogs: panem et circenses”

  1. Chris sagt:

    Tja, das kommt dabei raus, wenn man sich tiefgründige Gedanken macht und ganz wichtig, sich auch selbst hinterfragt. Und das hier kommt dabei raus, wenn man meiner Meinung nach oberflächliche Scheiße veröffentlicht.

  2. cabi sagt:

    Ich finde es schade, dass du aufhörst. :(

    Erst getprivacy jetzt hier …

    Aber wenn die Luft raus ist, kann ich es verstehen.

  3. Oliver sagt:

    Ich schrieb, das ich keinen Sinn darin sehe tägliche unausgegorene Fallouts der Politik zu kommentieren, das ist pure Zeitverschwendung. Diese Dinge können, müssen aber nicht, zu einem Beispiel gereichen, wenn denn die tatsächliche Problematik behandelt wird.

    Das wird zwar dann letztendlich weniger Leute interessieren, weil man mehr auf das «Zoff-Posting» abfährt in puncto politischer Aussage, aber die jenigen, die es interessiert werden mehr davon haben.

  4. cabi sagt:

    Oki, wenn es ein Verabschiedung der Quantität ist und eine Wendung Richtung Qualität … :) will ich nichts gesagt haben.

  5. Oliver sagt:

    Ja jedenfalls in Richtung Politik, man verbrennt damit über die Jahre unnütz Zeit und mauert sich selbst zu.

RSS-Feed abonnieren