Blogger stürzten Köhler und verhinderten von der Leyen

So manche Bloggerseele fühlt sich in diesen Tagen arg gebauchpinselt ob solcher Berichte wie gestern Abend im heute journal oder in anderen etablierten Medien. Doch ist dem wirklich so? Ein kleiner Realitätscheck.

Nein, Blogger haben nicht den Bundespräsidenten gestürzt und auch nicht den Einzug Ursula von der Leyens ins Bundespräsidialamt verhindert – auch wenn der Autor dieser Zeilen diesen Satz selbst zugespitzt so formuliert hat. Zu behaupten, Blogger hätten in Deutschland Einfluss auf das politische Leben, entspricht nicht den Realitäten. Es ist bei Weitem noch nicht so, dass Politiker Blogs lesen, auf Blogs reagieren und Themen aus Blogs auf die politische Agenda gesetzt werden. Dafür sind Blogs nicht groß genug, haben zu wenig Reichweite – und zudem gibt es nur vereinzelt Blogs, denen man auch ernsthaft Qualität nachsagen kann, was die politische Berichterstattung angeht.

Aber: Blogs werden mittlerweile wahrgenommen. Die etablierten Medien haben einen Blick auf Blogs und die Reaktionen in den Kommentaren und auf Twitter. Wird ein Thema auf den Blogs diskutiert, landet es auch auf den Schreibtischen der etablierten Medien. Diese entscheiden dann, ob das Thema weiter verfolgt wird oder im Redaktionspapierkorb landet. Spannende und relevante Themen landen mittlerweile innerhalb kürzester Zeit beim SPIEGEL und anderen Medien. In der Regel sogar innerhalb 24 Stunden, wie beim Thema Ursula von der Leyen. Bei Horst Köhler kam nur Roland Koch dazwischen sonst wäre auch dies früher geschehen..

Was sich hier zeigt, ist genau das, was immer wieder von den ernsthaften Blogs behauptet wird: Blogger können und wollen den Journalismus nicht ersetzen, Blogger können gegenüber dem etablierten Journalismus nur eine Ergänzung darstellen. Und genau das hat sich gerade in den letzten Tagen bewiesen. Nach dem Interview Köhlers hätte in Deutschland kein Hahn gekräht, hätten es Blogger nicht thematisiert. Das Interview hätte aber genauso wenig Reaktionen hervorgerufen, hätten die Medien daraus keine Geschichte gemacht und ihre Spezis in der Opposition um einen O-Ton gebeten. Erst dieses Zusammenspiel hat zum Rücktritt Köhlers geführt.1

Beim Thema Ursula von der Leyen verhält es sich ähnlich. Der Protest, der sich in den letzten 36 Stunden im Netz formiert hat, ist schon gestern beim SPIEGEL, dem STERN, bei der WELT und anderen Medien angekommen. Viele Blogger werden sich jetzt auf die Aussage Jürgen Koppelins, Bundestagsfraktionsvize der FDP, stürzen, der zu Protokoll gegeben hat, Ursula von der Leyen sei aufgrund ihrer Zustimmung zu den Netzsperren ein Antityp für die jüngere Generation. Natürlich wird auch in den unteren Hierarchien der Parteien der Protest angekommen sein – doch seien wir ehrlich: Wenn Union und FDP, Angela Merkel und ihre Ministerpräsidenten Ursula von der Leyen wirklich als Bundespräsidentin wollten, würde sie ins Schloss Bellevue einziehen. Ein paar Tausend Netizens und Blogger machen noch lange keine Politik.

Der Protest im Netz ist gut und richtig, doch sicherlich nicht entscheidend. Es ist ein kleiner Punkt in einer großen Diskussion rund um die Nachfolge Köhlers. Dass Christian Wulff, der es nun womöglich wird, Katholik und im Wirtschaftsflügel der CDU hoch angesehen ist, ist mit Sicherheit höher einzuschätzen als der Protest aus dem Netz gegen Ursula von der Leyen. Der kleine Protestwelle wird sicherlich bis zu einer gewissen politischen Ebene wahrgenommen, doch sind parteipolitische Verstrickungen, Flügelkämpfe und andere Überlegungen weitaus wichtiger für die Entscheidungsfindung der Kanzlerin und ihrer Getreuen.

Doch man soll sich auch nicht kleiner machen, als man ist. Von Relevanz und großer Bedeutung sind Blogs zwar noch weit entfernt, und das ist bei vielen Blogs auch gut so, doch Blogs werden mittlerweile von Medien und der Politik wahrgenommen. Dass Blogs eine kleine Rolle beim Rücktritt Köhlers gespielt haben, ist unbestritten. Ebenso dürften die Netzpolitiker von Union und FDP auf die Proteste gegen Ursula von der Leyen hingewiesen haben. Das alles nicht großartig relevant für die politischen Entscheidungsfindung in Berlin – und doch, eine kleine Stimme hat sich mittlerweile erhoben. Blogger nutzen die Möglichkeiten des Internets, die Freiheit des Internets um ihr Grundrecht auf freie Meinungsäußerung wahrzunehmen, sich einzumischen. Diese Stimme wird immer lauter. Als Ergänzung zum etablierten Journalismus. Und das ist auch gut so.

  1. Obwohl ich persönlich glaube, dass das Interview und die Reaktionen nur das Fass zum Überlaufen gebracht haben. Da gibt es noch weitere, bisher nicht geäußerte Gründe. []

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16 Antworten zu “Blogger stürzten Köhler und verhinderten von der Leyen”

  1. Tobias sagt:

    Der Gedanke, dass wir Blogger Frau vdL einen präsidialen Abschied aus der aktiven Politik — was ansich auch nicht schlecht gewesen wäre — verhagelt hätten, kam mir heute morgen bei der Lektüre der neuesten Nachrichten schon — wenn auch eher im Wissen, dass dem nicht so ist.

    Ich würde dir daher recht geben, dass es inzwischen so eine Art Zusammenspiel zwischen Blogeinträgen auf bekannten und guten Blogseiten — um einfach mal den Spiegelfechter zu nennen — und den meinungsmachenden Politikern gibt. Wenn auch eher einseitig. Der Blogger bloggt und wenn das Thema interessant genug ist — wie du ja selber beschreibst — dann landet es auf den Tischen Deutschlands, manchmal dann sogar in Form eines Artikels in einer Tages– oder Wochenzeitung.

    Aber wenn das der Anfang ist, sind wir doch auf einem guten Weg.

    Wobei ich schon noch mit einer «Überraschung» bezogen auf den Kandidaten der Union rechne — der Wulff hat doch noch ganz andere Ziele.

    Oder das Merkel hat es so mal wieder aus der ruhigen Hand hinbekommen, dass noch ein interner potentieller Konkurrent «aus dem Wege geräumt ist».

    Denn ich denke, eine Frau vdL ist zwar auch potentiell «gefährlich», aber die hängt noch allzu sehr an Merkels Rockzipfel und vielleicht will das Merkel Frau vdL als Nachfolgerin heranziehen — so wie weiland Kohl «sein Mädchen».

    Die gefährlichen «Männer» dürften nach einer Wahl Wulffs ja nun vollständig beseitigt sein.

    Oder gibts da noch einen? Außer Gutti-Guttenberg aus Bayern .. ??

  2. Anonymous sagt:

    Guter Artikel. Gerade, was die Kandidaten/potentiellen Anwärter betrifft, spielt die Blogospäre für die Politik keine Rolle. Vielleicht nimmt man als Opposition die Netzklientel gerne mit und tut deshalb so, als seien sie relevant. Angela Merkel, das ist meine Vermutung, führt gerade die Kandidaten am Ring in der Nase durch die Arena, die ihr potentiell gefährlich werden könnten. Erst von der Leyen, die ist erstmal kaltgestellt, und jetzt Christian Wulf. Ich denke, er wird es auch nicht werden. Ich glaube kaum, dass Frau Merkel die Aktionen des «Andenpaktes» vergessen hat, die 2002 ihre Wahl verhinderten.

    >…und das ist bei vielen Blogs auch gut so,…<
    Kleine Kritik: Kann man das Netz nicht mal als bunte Vielfalt betrachten, die einem sicher nicht immer gefallen muss. Solange es nicht um verfassungsfeindliche Inhalte geht, würde ich mir mehr Offenheit wünschen. Leben und leben lassen. Gerade in der Blogosphäre wünsche ich mir eine deutungshoheitsfreie Zone.

  3. Chris sagt:

    Gerade aktuell: Die «Zeitung» mit den vier Buchstaben meldet, dass die Entscheidung pro Wulff gefallen ist…

  4. Anonymous sagt:

    Die hatte auch gestern gemeldet, dass es von der Leyen wird :-)

  5. dissenter sagt:

    Wulff? Ist der überhaupt schon 40? 😀

  6. Anonymous sagt:

    Wulff hätte für Merkel natürlich den Charme, dass er als potentieller nächster Kanzlerkandidat wegfallen würde. Auffällig ist dennoch, dass außer der Merkelunterstützungshauspostille BLIND noch keine andere große Zeitung die Kandidatur Wulffs gemeldet hat. Honi soit qui mal y pense :-)

  7. Harry sagt:

    Natürlich wäre es vermessen anzunehmen, dass Blogger und Internet-Aktivisten politisch so viel Einfluss haben, dass sie, wenn sie nur wollten, alles durchsetzen könnten. Aber manchmal gibt es doch Sachen, die man mit beeinflusse kann, evtl. sogar als einzelner. Beispiel:
    Im Sommer 2007 ärgerte ich mich über die MS-Initiative «IT-Fitness», schrieb sie an und fragte, wieso ich als ausgebildete IT-Fachkraft, die sich gut mit unixoiden Systemen auskennt den IT-Fitnesstest nicht bestehen könnte. Die Mail-Antwort von «IT-Fitness» («Wer alternative Programme verwendet, ist dabei leider zwangsläufig im Nachteil») leitete ich an den Linux-Verband weiter, der die Pressemeldung auf golem.de generierte.
    Gleichzeitig schrieb ich mehrere MdBs an und machte sie auf den Umstand aufmerksam, dass hier Microsoft einseitig von der Bundesregierung gefördert wird. Dies hatte zur Folge, dass die Abgeordnete Gritje Bettin die Bundesregierung befragte und, etwas später, eine kleine Anfrage der Linksfraktion zum Thema gestellt wurde. Dass ich dazu beigetragen habe, konnte ich daran erkennen, dass einige Formulierungen in den Anfragen fast wortwörtlich aus meinen Mails übernommen wurden.

    Sich zu engagieren und die richtigen Leute anzusprechen bringt also was.

    Vorhin las ich bei SpOn:
    «Aus den Reihen der jungen Abgeordneten gebe es erhebliche Bedenken gegen ihre [v. d. Leyens] Kandidatur, sagte der FDP-Politiker Sebastian Blumenthal zu SPIEGEL ONLINE. Eine zentrale Rolle spiele dabei ihr Eintreten für das Zugangserschwerungsgesetz.«
    Sebastian Bumenthal gehörte zu den Adressaten eines «offenen Briefes», den ich gestern an einige Abgeordnete gemailt habe, wobei ich v. d. Leyens Rolle beim Zugangserschwerungsgesetz.hervorhob. Zufall? Möglicherweise — Ich will mir hier nichts einbilden.

  8. Rabenvogel sagt:

    Guter Artikel. Blogs sind zwar klein, aber nicht wirkungslos. Sie zeigen, dass neben dem Mainstream auch noch muntere Bächlein fließen,die bei bestimmten Wetterbedingungen über die Ufer treten können.

  9. „Nein, Blogger haben nicht den Bundespräsidenten gestürzt … Aber: Blogs werden mittlerweile wahrgenommen. Die etablierten Medien haben einen Blick auf Blogs und die Reaktionen in den Kommentaren und auf Twitter. Wird ein Thema auf den Blogs diskutiert, landet es auch auf den Schreibtischen der etablierten Medien. Diese entscheiden dann, ob das Thema weiter verfolgt wird oder im Redaktionspapierkorb landet.“ &ndasn; Auch wenn darin ein gewisser Widerspruch steckt (auch nach Deiner Auffassung wären ja die Blogs durchaus „kausal“ für den Abgang gewesen, wenn auch nicht die einzige Ursache): Das erinnert mich sehr an die Rolle, die die taz früher im Verhältnis zur sogenannten seriösen und etablierten Presse spielte. Kann also noch was werden … 😉

  10. Anonymous sagt:

    Ich wette, Angela Merkel wählt am 30. Juni Herrn Gauck :-)

  11. […] manche Medien propagandieren, glaube ich nicht. Es wird eher so sein, dass die Meinungsmache in den entsprechenden Leitmedien (meines inneren Deutschlands) schon im Visier der entsprechenden politischen […]

  12. […] BP II: Blogger stürzten Köhler und verhinderten von der Leyen…F!XMBR […]

  13. HF sagt:

    Blogger haben sicher die Aufmerksamkeit darauf gerichtet, aber wäre Köhler clever mit der Sache umgegangen, wäre ein Rücktritt unnötig gewesen. Aber er hat auch gemerkt, das die Kanzlerin nicht hinter ihm stand bzw. in keinster Weise versucht hat, ihm beizutreten und insoweit war der Rücktritt eher eine «unionsinterne» Angelegenheit.
    Was wichtig ist: solche Äußerungen lassen sich nicht mehr so ohne weiteres unter der Decke halten — was passiert jetzt? Wird vorsichtiger gelogen oder werden noch mehr Phrasen gedroschen (so das geht)?

  14. […] zeugt das wieder von der Blase, in der ich mich samt Blogosphäre befinde, auch wenn es wir Blogger gewesen sein sollen, die Köhler “gestürzt” haben. Für “die da draußen” ist […]

  15. Hybris.…

    Ursprünglich wollte ich an dieser Stelle über die im Netz wabernde Hybris, die Blogosphäre sei sowohl am Rücktritt Köhlers als auch an der Nichtnominierung Frau von der Leyens maßgeblich beteiligt gewesen, schreiben. Dabei wollte ich unter anderem dar.…


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