Bloggen? Eine Art Tagebuch?

Chris stellt sich die Frage aller Fragen: Was ist Bloggen? Nun abseits von der semantischen Analyse, die da von einer Art Kreuzung aus Tagebuch und WWW spricht, ist ein Blog schlicht ein Tagebuch. Aber Moment, ist ein Tagebuch nicht diese oldschool Angelegenheit — Privates zu Papier gebracht, vor den Augen der Welt verborgen? Kurzum also ein Widerspruch in sich? Denn wie könnte man ein privates Tagebuch in dieses WWW transferieren? Nun als erstes muss man Begrifflichkeiten trennen, sprechen eingeschworene Nerds von Tagebüchern meinen diese tatsächlich Poesiealben bzw. degradieren ob Unverständnis Tagebücher zu trivialen Anhäufungen irgendwelcher Intimitäten — cat content eben.

Doch dem ist nicht so. Ein Tagebuch gibt Erlebtes wieder, formuliert Gedanken aus, ist ein Spiegel dessen was den Schreibenden bewegt. Ein omnipotenter Anspruch, welcher jedem Raum en masse reserviert. Neu ist ausschließlich die Öffentlichkeit, ermöglicht durch dieses WWW. Gelogen, beschönigt wird traditionell im Privaten als auch im öffentlichen Raum — von daher nehmen sich beide Darreichungen nicht viel. Allenfalls diktiert die zusätzlich vorhandene Öffentlichkeit ein Plus an etwaiger Zurückhaltung, gegenüber dem schon vorhandenem Diktat seitens des Egos.

Bloggen ist also nichts neues, Bloggen kann alles sein — nur die eigene Fantasie setzt Grenzen. Man muss sich also nicht eines Begriffes wie Tagebuch schämen, große Männer und auch Frauen verfassten diese im Laufe der Geschichte und hinterließen somit nachfolgenden Generationen teils unschätzbare kulturhistorische Einblicke.

Wenn also Oscar Wilde schreibt: Das Gedächtnis ist das Tagebuch, das wir immer mit uns herumtragen., so gilt dies vice versa ebenso für diese mittels Papier oder Virtualität transportierten Worte — eine Vielfalt des Geistes eben, welche genutzt werden sollte. Insofern ende ich mit den Worten eines bekannten Tagebuch-Verfassers: Der Worte sind genug gewechselt, lasst mich auch endlich Taten sehn, indes ihr Komplimente drechselt, kann etwas Nützliches geschehn.1

Bild: Wikimedia Commons

  1. aus Faust []

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9 Antworten zu “Bloggen? Eine Art Tagebuch?”

  1. Martina sagt:

    Ich will deinen Worten gar nicht allzu viel hinzufügen, allerdings möchte ich in diesem Zusammenhang auf einen, meiner Meinung nach, ersten Blogger der Literatur hinweisen. 😉

    James Boswell schrieb 1763:

    Es wäre kümmerlich und langweilig, wenn ich Tag für Tag bloß darüber berichtete, wie ich morgens aufstand, Wasser ließ, Medizin einnahm, still saß, ein Buch las und den einen oder anderen Freund empfing. Mein Tagebuch muss sich, genau wie die Zeitung, am Tagesgeschehen orientieren. Ich werde jedenfalls bald wieder losziehen und mich auf die Suche nach amüsanteren Abenteuern begeben.

    http://martina-kausch.de/.….elt.html

  2. phoibos sagt:

    moin oli,

    ich möchte noch anmerken, dass — wie ich schon auch in chris’ artikel schrieb– die intentionale öffentlichkeit auch bei einigen tagebuchschreibern der geschichte gegeben war (als beispiel fällt mir anne frank und goebbels ein). wobei der gravierende unterschied ist, dass die autoren sich darauf verließen, nicht zeitnah mit einer rückmeldung rechnen zu müssen, die «kommentare» kamen erst viel später, häufig genug nach ihrem tode.
    will sagen, dass der unterschied zum herkömmlichen tagebuch zum einen die sofortige öffentlichkeit ist und die sofortige reaktion des publikums. also ein tagebuch zwonull :)

    ciao
    phoibos

  3. Oliver sagt:

    @phoibos: ich sehe beim Bloggen keine wirkliche Besonderheit gegenüber den traditionellen Schreibern — wie gesagt, mit Ausnahme der Öffentlichkeit. Aber das Diktat des Egos kann selbst im Privaten seltsame Blüten treiben. Was bleibt ist ein Mißverständnis und jene die etwas verkaufen möchten. Wie aber verkauft man ein Tagebuch? Ganz simpel, man nehme ein Potpourri an Gedanken, Erlebnissen, Erfahrungen, Interessen, was-auch-immer, mische dieses kräftig ab und verpacke es in hübsch gedrechselte Worte. Tja und daran scheitert es meist in der Praxis, denn diese selbsternannte digitale bohème ist weder bunt, noch schillernd, sondern meist recht bieder und möchte eingefahrene Strukturen, mitteles einer Web20schen Oberflächlichkeit kaschieren. Aus diesem Grund funktioniert dies alles auch wirklich nur im Privaten, kommerzielle Interessenten sind immer außen vor — das liegt in der Natur der Sache begründet.

  4. Chris sagt:

    Du hast ein verdammt enges Sichtfeld. Selbst Nobelpreisträger bloggen, besser publizieren auf Blog-Software…

  5. Seraphyn sagt:

    Hmmmm, falls der Begriff bekannt ist aus der Aerosolszene, ich sehe ein Blog auch eher als Blackbook[1] an, nur halt wirklich für Nerds, wobei sich das ganze ja nach dem Web2.0-Gedöns auf die Allgemeinheit abgefärbt hat.
    Gruss
    [1] Graffiti-Jargon

  6. Oliver sagt:

    >Selbst Nobelpreisträger bloggen

    Nerds eben 😀

  7. Chris sagt:

    Heißt, der nächste Nobelpreis gehört uns… 😀

  8. Oliver sagt:

    So gesehen, Yes Sir! 😀

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