Blindgänger

Man kennt sie — die Zirkusfamilien, die von Stadt(teil) zu Stadt(teil) ziehen, auch in der heutigen Zeit des medialen Overkills immer noch gerne besucht, auch wenn es immer schwieriger wird, gegen Pokemon und Harry Potter anzukommen. Natürlich müssen solche Veranstaltungen jeweils beim Ordnungsamt angemeldet werden. In der Regel wird dem Antrag entsprochen und so freut sich ein Stadtteil auf die Ankunft vom Zirkus, die Kinder freuen sich nach der Schule auf die Tiere, die draußen auf den Grünflächen angebunden sind. Viele Existenzen hängen an diesen Schaustellerfamilien. Nun gibt es im wunderschönen Hamburg seit 2005 eine neue Kampfmittelverordnung. Und ja, ich habe mich nicht vertan. Diese Kampfmittelverordnung in Verbindung mit ein paar Blindgängern in diversen Ordnungsämtern könnte dazu führen, dass Existenzen, Familien zerstört werden. So hat zum Beispiel der Bezirk Wandsbek alle Anträge von Zirkusfamilien abgelehnt. Und jetzt alle festhalten: Der Grund: Die Pflöcke der Zelte, die in den Boden gerammt werden, könnten auf einen der noch vorhandenen Blindgänger aus dem zweiten Weltkrieg treffen. Boom.

Nein, das ist wirklich kein Scherz. Seit 2005 sind die Grundstückseigentümer und nicht mehr die Stadt in der Verantwortung Kampfmittel aufzuspüren. Eine große Verantwortung, die der Bezirk Wandsbek nicht dem Zufall überlassen will. Und so sind 14 Grünanlagen für derartige Veranstaltungen gesperrt — bis, ja bis der Kampfmittelräumdienst die Plätze sondiert hat. Und wie das bei den Behörden so ist, wird das in den unterschiedlichen Stadtteilen differenziert gehandhabt. In Harburg laufen ebenso Anträge zur Sondierung, in Altona gibt es seit Jahren einen (ungeprüften) Platz und in Bergedorf scheint tatsächlich an dieser Stelle noch Vernunft zu walten — dort findet man das ganze unsinnig.

Manche Zirkusfamilien absolvieren die Hälfte ihrer Auftritte in Wandsbek, teilweise seit hundert Jahren, traditionell gehören sie zum Stadtbild, zur Stadt. Dort macht sich jetzt natürlich große Angst um die Existenz breit. Da sollte man eigentlich meinen, die Politik reagiert schnell. Tja, weit gefehlt. Es können noch Jahre vergehen, bis der Kampfmittelräumdienst zum Einsatz kommt. Das Vorgehen muss mit der Luftbildauswertung abgestimmt werden, nur diese kommt mit den Anträgen kaum nach — nein, immer noch kein Scherz, das passiert alles mitten in Hamburg, mitten in Deutschland, Behördenterror pur. Bis Ende des Jahres immerhin soll es vom Kampfmittelräumdienst eine Empfehlung geben, was ein Eingriff in den Baugrund überhaupt ist, ob da das Aufstellen eines Zirkuszeltes überhaupt zugehört. Und dann geht es weiter mit Berichten aus dem wunderschönen Hamburg Schilda mit seinen Hamburgern Schildbürgern. Und die Zirkusfamilien? Bei denen bittet man um Geduld — denen geht’s ja auch so gut, dass sie locker über solche Schildbürgerstreiche lachen können… (via)

6 Antworten zu “Blindgänger”

  1. dakira sagt:

    Wo wir schon bei Unsinn in Hamburg sind. Es gibt ja Verordnungen, die sich nur auf bestimmte Stadtteile beziehen. Z.B. kann die Polizei selbststaendig (laut Polizeigesetz) bestimmte Bereiche zu besonders gefaehrlichen Bereichen erklaeren.

    In diesen Bereichen kann dann die Polizei willkuerlich Personenkontrollen vornehmen. Das hat neulich z.B. dazu gefuehrt, dass eine Freundin von an der S-Bahn Holstenstrasse komplett durchsucht wurde. Ihr Rucksack wurde auf dem Tisch des Zeitungsverkaeufers entleert. Begruendung: mit ihren Dreadlocks sehe sie halt auffaellig aus.

    Noch unsinniger ist eine Verordung, die (afaik) ab Dezember fuer St.Pauli in Kraft tritt. Ab diesem Zeitpunkt sind dann saemtliche als Waffen gebraeuchliche Gegenstaende im gesamten Stadtteil verboten (also das Mitfuehren). Insbesondere auch Defensivwaffen wie CS-gas oder Elektroschocker. SUPER Idee! Der Kleinkriminelle haelt sich ja ganz sicher daran.. deswegen braucht die junge Frau, die sich sonst mit CS-Gas haette waehren koennen, jetzt auch keine Angst mehr haben.

    Ich frage ich mich manchmal, ob die vergessen, dass da auch noch Menschen WOHNEN. Kann ich jetzt bald nicht mal mehr n Kuechenmesser zu Freunden zum kochen mitbringen? Von meinem (nun auch verbotenen) Taschenmesser, welches ich sonst immer bei mir trage, will ich garnicht anfangen ;(

    So.. genug aufgeregt fuer heute 😉

  2. LeSpocky sagt:

    Ab diesem Zeitpunkt sind dann saemtliche als Waffen gebraeuchliche Gegenstaende im gesamten Stadtteil verboten (also das Mitfuehren).

    Da fällt einem doch nichts mehr zu ein, das kommt im Grunde einem Verbot gleich, den Stadtteil noch zu betreten. Da kann ich keine Glasflasche dabei haben, kein Schlüsselbund, eigentlich müsste ich sogar sämtliche Kleider ablegen, die ich zum strangulieren missbrauchen könnte. Aber vielleicht dürfen ja noch Leute den Stadtteil betreten, die glaubhaft versichern, dass sie ihren eigenen Körper nicht als Waffe gebrauchen können, weil sie nie im Leben beim Boxen, Judo, Karate o.ä. waren. Ganz großes Tennis!

  3. Grainger sagt:

    Ich kenne Leute, die können einen totquasseln. 😀
    Dürfen die St.. Pauli dann nur noch geknebelt betreten?

  4. dakira sagt:

    Hoffentlich 😉

  5. Dr. Dean sagt:

    Nackt und geknebelt — das wäre das Sicherste!

  6. […] Zirkus kann kommen In Ergänzung dazu — wie immer war es das liebe […]

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