Berliner und andere Piraten

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Mir ist gerade aufgefallen, dass ich in den letzten Wochen die Piraten kaum kritisiert habe. Da musste ich natürlich gleich einmal das Fieberthermometer hervorholen, habe aber festgestellt, dass bei mir alles in Ordnung ist.

Was ist also bei den Piraten los?

Die Antwort ist einfach: Im allgemeinen Fokus ist derzeit, bedingt durch die Wahlen zum Abgeordnetenhaus, der Berliner Landesverband. Und da lässt sich nicht viel kritisieren. Die Piraten haben ihr Wahlprogramm erweitert, das war gut und richtig so und begründet auch den möglichen Erfolg am Sonntag.

Doch nicht nur das. Ich kann mich sehr gut mit dem Wahlprogramm identifizieren. Natürlich gefällt mir nicht alles, so bin ich der Meinung, dass jede Droge in einer aufgeklärten Gesellschaft eine Droge zu viel ist. Ebenso wie jede vermeintliche Einstiegsdroge eine Droge zu viel ist. Doch wer kann sich schon zu 100% mit dem Parteiprogramm einer Partei identifizieren? Die Berliner Piraten haben etwas Großes auf die Beine gestellt, auf das alle Beteiligten stolz sein können.

Ich mag die Rampensau Christopher Lauer, dem ich das Amt des Parteivorsitzenden gegönnt hatte. Ich finde aber auch die salomonische Entscheidung der Berliner Piraten, den eher ruhigen Piraten Andreas Baum zum Spitzenkandidaten zu wählen, richtig und notwendig. Ich finde es klasse, wie die Piraten auf den Fauxpas Baums reagiert haben, im RBB die Schulden der Stadt nicht gekannt zu haben — mit einer eigenen App. Wann hat es jemals so viel Selbstironie in einer anderen Partei gegeben?

Vor kurzem habe ich geschrieben, die Piraten seien in die Falle der Grünen und von Renate Künast gegangen. Das war offensichtlich aus der Ferne gesehen falsch. Zumindest war der Umstand unerheblich. Es gibt viele Menschen in Berlin, die wollen durchaus einen Politikwechsel, wissen aber, dass SPD die Wahl sowieso gewinnen wird, König Wowi bleibt. Die einzige Chance sind die Piraten. Nicht nur, dass eine neue Partei die Bühne betritt: Kommen die Piraten ins Abgeordnetenhaus, ist es aus und vorbei mit Rot-Rot, Wowereit wird Rot-Grün ausrufen müssen. Ein kleiner Politikwechsel, erzwungen durch die noch kleinere Piratenpartei. Die Piraten wildern in grünen Gefilden, gleichzeitig müssen die Grünen beten, dass die Piraten ins Abgeordnetenhaus einziehen. Ich liebe solche Ironien der Geschichte.

Und noch eine riesige Chance bietet die Wahl am Sonntag: Ab sofort werden die Kernthemen der Piraten von den etablierten Parteien noch ernster genommen. Und darauf warten hoffentlich wir alle seit Jahren. Politische Transparenz, Datenschutz, Urheberrecht, Bürgerrechte, die Liste ist noch länger — ein Erfolg der Piraten könnte eine politische Wende einleiten. Während CDU, SPD, Grüne, FDP und Linke um den Euro streiten, täglich immer skurrilere Vorschläge verbreitet werden, wissen die Piraten in ihren Kernthemen zumindest, wovon sie reden und wirken glaubwürdig. Von der elenden Spackeria einmal abgesehen.

Auf Twitter schrieb ich: Würde der eher links-liberale Berliner Landesverband die gesamte Piratenpartei repräsentieren, gäbe es kaum etwas zu kritisieren. Leider gibt es bei den Piraten auch andere Strömungen, wie die bereits erwähnte Spackeria oder immer noch Bodo Thiesen und dessen Anhänger; Thiesen soll in Nürnberg für seinen Landesverband eventuell auf einem großen Piratentreffen sprechen. Wolfgang Dudda vermutet in einem Interview mit der Tagesschau gar, dass der Landesverband Rheinland-Pfalz den Berliner Wahlkampf «torpedieren will».

Bleibt also derzeit nur der Blick nach Berlin. Und da bleibt festzuhalten: Liebe Berliner Piraten, viel Glück. Ich wünsche mir, dass Ihr am Sonntagabend feiern könnt und die etablierten Parteien, angesprochen auf Euren Erfolg, hemdsärmelig vor die Kameras treten müssen. Rockt das Haus. Rockt das Abgeordnetenhaus. Würde ich in Berlin wohnen, würde ich Euch wählen. Und macht Euch keine Sorgen — viele Fehler werden Euch zu Anfang verziehen werden. Viele Menschen wollen wieder von normalen Menschen in der Politik vertreten werden — und nicht von PR-Profis. Auch für diese Unvollkommenheit steht Ihr mit Eurem Namen. Das macht Euch stark und sympathisch. Bleibt so, wir Ihr seid — zumindest die nächsten Jahre. Und eine Bitte an alle Berliner:

Liebe Berliner, wählt die Piraten!

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6 Antworten zu “Berliner und andere Piraten”

  1. at sagt:

    Das Verfahren um Bodo Thiesen macht uns schon lange
    Sorgen. Auf Grund seines umstrittenen Verhaltens und dem laufenden
    Verfahren, haben wir Bodo Thiesens Antrag auf Entsendung nach Nürnberg
    abgelehnt.“ (Roman Schmitt, Vorsitzender der Piratenpartei
    Rheinland-Pfalz, 15.09.2011)

  2. Thaniell sagt:

    Chris! Das geht so nicht! Du kannst doch deine Leser nicht so im Stich lassen…
    Da ist man nach mühsamer abstinenter Zeit kurz unachtsam und klickt durch ein paar Videos und Texte zur anstehenden Wahl, um dann prompt rückfällig zu werden und sich trotz aller lethargischen Abwehrmaßnahmen doch wieder von piratiger Euphorie anstecken zu lassen. Aber da, ein Hoffnungsschimmer taucht just im rechten Moment in dieser ausweglosen Situation am Horizont des Browsers auf, ein Beitrag zu den Berliner Piraten im fixmbr-feed!
    Sicherlich wird selbiger den geneigten wieder zur Vernunft oder doch wenigstens ins Grübeln bringen.…
    …aber nein, du Schuft! Jedwede Kritik wird schnell als Nicht-Berliner-Problemchen abgetan. So geht das doch nicht. Gut, ich hätte es wissen müssen, schon als ich nach zweimaligem drüberschauen keine satirische Verfälschung am Wahlplakat ausmachen konnte, dachte ich mir «der wird doch jetzt nicht auch gerade angesteckt … oder gehackt worden sein …«
    … immerhin, zum Glück wohne ich nicht in Berlin, sonst würde ich am Wochenende auch Piraten wählen 😉

    Viel Erfolg den Berliner Piraten!

  3. tante sagt:

    Nur zur Information: Die Spackeria ist keine Piratenparteiveranstaltung. Es gibt Piraten innerhalb der Spackeria und es gibt nicht-Piraten, die Spackeria ist unabhängig von allen politischen Parteien.

  4. Thomas sagt:

    «…so bin ich der Meinung, dass jede Droge in einer aufgeklärten Gesellschaft eine Droge zu viel ist«
    Wieso?

  5. Tobi-Wan sagt:

    So, dann melde ich mich als Berliner Jungwähler mal eben zu Wort. Auch mir sind die Piraten hier durchaus sympathisch, die Gründe hat Christian genannt. Ich will auch keine glatt gebügelten PR-Profis. Was ich aber von einer Partei verlange, der ich durch meine Stimme Verantwortung gebe, ist ein Mindestmaß an Kompetenz in Themenfeldern abseits der Bürgerrechte, in denen eben auch Kenntnis notwendig ist, sobald man im Parlament sitzt. Und wenn ein Spitzenkandidat nicht weiß, wie hoch die Verschuldung meiner Stadt ist, dann traue ich seiner Partei diese Kenntnis — etwa auf dem Feld der Finanzpolitik — schlicht (noch) nicht zu.

  6. […] eigentlich keine Überraschung, wenn sich letztlich sogar Jörg Kantel, Johnny Haeusler und F!XMBR für die Piraten aussprachen – was exemplarisch für die Unzufriedenheit mit den […]

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