Atomkraft im Wahlkampf?

Der bevorstehende Bundestagswahlkampf ist wohl der langweiligste, den unser Land je gesehen hat. Zwei Spitzenkandidaten, die so interessant und charismatisch sind, wie Lippenherpes und Fußpilz, zwei Parteien in einer Großen Koalition, die den Status Volkspartei verloren haben, zeugen vom Versagen einer ganzen politischen Klasse. Dazu eine FDP, die nur noch als Protestpartei wahrgenommen wird, die Grünen, die immer noch mit dem Rot-Grünen Erbe kämpfen und wohl erst wieder aufblühen, wenn das Spitzenpersonal ausgetauscht wurde und glaubhaft mit Rot-Grün gebrochen wurde. Dazu die Linke, die aus Prinzip einfach mal dagegen ist. Zu keiner anderen Zeit lebten deutsche Politiker weiter vom Volk entfernt, wie zur heutigen Zeit. Ein alter Atommeiler, der verantwortungslos vor 2–3 Wochen wieder in Betrieb genommen wurde, könnte nun für ein wenig Diskussionen Sorgen.

Krümmel steht wie kein anderer Atommeiler in Deutschland für den lebensgefährliche Wahnsinn von Atomkraft. Alle meldepflichtigen Störfälle hier aufzuführen, würde den Rahmen sprengen und ich wäre morgen noch damit beschäftigt, diesen Text in mein Notebook zu tippen. Zwei Jahre lang war der Atommeiler abgeschaltet und vor 3 Wochen gerade erst wieder in Betrieb genommen worden — natürlich mit einem medialen Bohei, wie sicher die friedliche Nutzung von Kernkraft doch sei. Samstagmittag dann ging der Atommeiler per Reaktorschnellabschaltung wieder vom Netz — nachdem er letzte Woche Mittwoch schon heruntergefahren war. Die Folgen allein für Hamburg: 1.500 ausgefallene Ampeln, dazu 11 Wasserrohrbrüche. Nun sind das harmlose Folgen für einen Störfall in einem Atomkraftwerk, man denke nur an Tschernobyl oder Harrisburg.

Wie das immer so ist, kommen nun nach und nach die erschreckenden Details an die Öffentlichkeit. Die Blackbox der Anlage war ausgeschaltet — man wird also Schwierigkeiten haben, nachzuvollziehen was wirklich geschehen ist. Der Witz des Jahres: Nicht der Betreiber Vattenfall hat die Atomaufsicht über den Vorfall informiert, sondern die herbeigerufenen Polizisten, die zufällig am Ort des Geschehens waren: Bei einer Demonstration gegen die weitere Nutzung des Atomkraftwerks. In den PR-Meldungen der Presse heißt es dann immer: Die Panne vom Samstag war schlimmer als zunächst bekannt.

Es wird interessant zu beobachten sein, wie die Spitzenkandidaten und Parteien morgen nach ihren Präsidiumssitzungen reagieren. Union und FDP werden Schweigen oder die Abschaltung als Beweis der Sicherheit feiern — deren Sturmpostille, die BILD, schweigt sich seit gestern über das Thema weitestgehend aus. Man wird sehen, ob SPD und Grüne aus dem Thema Kapital schlagen können. Bisher hat nur Sigmar Gabriel erkannt, dass die Thematik Atomkraft durchaus Potential zum Wahlkampfschlager hat. Auf der Webseite der Grünen gibt es eine lieblose Pressemeldung und in den Medien das eine oder andere Interview mit den ewig selben Phrasen unglaubwürdiger Spitzenkandidaten. Bei der Schnelllebigkeit von Informationen wird es schwer werden, morgen mit dem Hinweis auf den Vorfall am Sonnabend Kapital zu schlagen. Frank-Walter Steinmeier hat hier gestern und heute die große Chance verpasst, Akzente zu setzen. Aber so ist das halt mit unseren Politikern: Selbst beim Thema Atomkraft springt der Funke nicht über. Die eine oder andere Spiegelfechterei wird es also geben — nicht mehr und nicht weniger. Krümmel steht nicht nur Pate für das unverantwortliche Handeln der politischen Kaste, sondern auf für deren unglaubliche Unfähigkeit.

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2 Antworten zu “Atomkraft im Wahlkampf?”

  1. phoibos sagt:

    VATTnochnENstörFALL ist einfach eine lausige firma. bis auf die französischen akw waren die pannen der letzten jahre alle in deren akw. und stets wurde vertuscht, was ging. diesem laden sollte man endlich die akw-lizenz abnehmen. und von mir aus deren akw zu zwischenlagern umfunktionieren — innen drinnen wird sowieso alles verstrahlt sein. die hatten 2 (ZWEI!!!) jahre zeit, krümmel zu reparieren, und was ist? das ding ist kaputter als vorher. keiner braucht krümmel, in den zwei jahren ist keine einzige lampe in norddeutschland ausgegangen wegen strommanngels. es ist schlicht eine lüge, zu sagen, wir bräuchten die akw (oder moorburg…). wir brauchen stattdessen dringendst den atomausstieg (und ohne lange restlaufzeiten!), zum einen ist die technik hochgradig gefährlich, zum anderen blockieren die akw den ausbau alternativer energiegewinnung. wir müssen zudem weg von zentralistischen versorgungsbetrieben, hin zu lokaler versorgung.

    ciao
    phoibos

  2. Oliver sagt:

    > die zufällig am Ort des Geschehens waren: Bei einer Demonstration gegen
    > die weitere Nutzung des Atomkraftwerks.

    Die Polizisten waren nicht zufällig da, sondern haben die Absperrungen der Demo weggeräumt, als Ihnen einer der Angestellten erzählte — so der NDR -, dass gerade sowieso kein Strom produziert werde. Die haben dann natürlich diese Information weitergeleitet. Wahrscheinlich ging der Mitarbeiter davon aus, dass es bereit gemeldet wurde und alle Bescheid wussten.

    Die Meldung scheint wohl aus Versehen bei einem Manager liegen geblieben zu sein. Bei so vielen Störfällen nach der langen Pause ging denen wohl mächtig die Muffe… Für mich klingt das jedenfalls verdammt nach versuchter Vertuschung.

    Ganz nebenbei: Ich war zu der Zeit gerade in Kiel einkaufen als plötzlich der Strom ausfiehl. SO fühlt sich also der Beginn eines GAUs quasi an. Ganz unspektakulär… :-(

    TROTZDEM ABSCHALTEN. Der Uranvorrat reicht sowieso nicht mehr so lange.

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