Angriff ist die beste Verteidigung

vertrauenerobern

Der neue Verteidigungsminister, Karl-Theodor zu Guttenberg, hat zum ersten Mal das Wort Krieg in den Mund genommen. Ich verstehe jeden der sagt, in Afghanistan ist Krieg, so der  beliebteste deutsche Minister. Sein Vorgänger im Amt, Franz Josef Jung, hat sich selbst nicht nur dadurch der Lächerlichkeit preisgegeben, indem er bis zuletzt von einem Friedenseinsatz sprach — immer wieder wurde der deutschen Öffentlichkeit das Gegenteil präsentiert, tote Soldaten oder Anfang September das Bombardement auf zwei Tanklastzüge. zu Guttenberg stellt sich damit auf die Seite seiner Soldaten, die selbst schon länger von einem Krieg in Afghanistan sprechen. Es wird interessant zu beobachten sein, ob die deutsche Öffentlichkeit diese neue Offenheit begrüßt, oder jetzt noch viel stärker darauf drängt, die Soldaten aus Afghanistan abzuziehen.

Egal, was ich von unserem Verteidigungsminister halte — es ist schon ein verdammt kluger Schachzug. Franz-Josef Jung war jegliche Glaubwürdigkeit abhanden gekommen — diesen Fehler begeht zu Guttenberg gar nicht erst. Es herrscht Krieg in Afghanistan, daran dürfte kein Zweifel bestehen und wenn der Verteidigungsminister von kriegsähnlichen Zustanden spricht, dann bleibt in den Köpfen nur das Wort Krieg hängen. Die Schlagzeilen in den etablierten Medien zeugen bereits davon.

zu Guttenberg war und ist es vielleicht noch — egal was man persönlich davon hält — der Star des Kabinetts. In allen Umfragen lag er vorne — in vielen Erhebungen hat er selbst die Bundeskanzlerin hinter sich gelassen. Das war sicherlich auch ein Grund, ihn zum Kriegsminister zu machen. Sein Stern wird verblassen, mag sich die Kanzlerin gedacht haben. Ein Minister, der von toten Soldaten zu berichten hat und einen Krieg verteidigen muss, den die Deutschen mehrheitlich ablehnen mag noch so charismatisch sein, es würde sich mit Sicherheit auf die Beliebtheit und die Umfragewerte niederschlagen.

Angriff ist die beste Verteidigung, und so hat zu Guttenberg heute mit dem Tabu gebrochen und das Wort Krieg in Bezug auf Afghanistan ausgesprochen. Die Frage wird nun sein: Kann ein smarter Minister, wie ihn zu Guttenberg darstellt, die deutsche Öffentlichkeit für einen Kriegseinsatz begeistern? Wird er mit dieser neuen Offenheit, das Volk vom Afghanistan-Einsatz überzeugen? Wird er es schaffen, den Patriotismus in Deutschland zu wecken?

Schon beim Schreiben dieser Zeilen kräuseln sich meine Nackenhaare. Man kann nur hoffen, dass den Menschen die Augen geöffnet werden, die bisher an das Märchen Friedenseinsatz geglaubt haben. Der Krieg in Afghanistan ist falsch und nicht zu gewinnen. Er ist dem so genannten Krieg gegen den Terror geschuldet — doch Krieg gegen den Terror zu führen, bedeutet unterm Strich nichts anderes, als Feuer mit Benzin zu bekämpfen. Seit 30 Jahren befindet sich Afghanistan im Krieg, die Präsidentschaftswahlen haben gerade erst deutlich gemacht, dass in Afghanistan nicht im Ansatz demokratische Zustände herrschen. Seit 8 Jahren versucht der Westen nun schon eine Demokratie nach westlichem Vorbild in Afghanistan zu errichten. Ein Ende des Krieges ist nicht in Sicht, Drogen sind der Exportschlager Afghanistans. Eine Erfolgsbilanz sieht anders aus.

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Der erste Weltkrieg hat 4 Jahre lang gedauert, der zweite 6 Jahre — deutsche Soldaten befinden sich nunmehr seit 8 Jahren in Afghanistan im Krieg. Es ist an der Zeit, diesen Wahnsinn zu beenden. Es steht allerdings zu befürchten, dass die Deutschen einem zu Guttenberg in den Krieg folgen und dass die Stimmung im Land kippen wird. zu Guttenberg stellt sich selbst nicht nur als glaubwürdig dar, er kann auch weiterhin argumentieren, dass deutsche Soldaten Polizisten ausbilden und Brunnen bauen. Kriegsgegner haben es durchaus schwerer — sie können den Rückzug deutscher Soldaten moralisch begründen, eine Lösung für Afghanistan haben sie jedoch auch nicht in petto. Der, der handelt, ist gegenüber dem, der schreit, immer im Vorteil — auch wenn man die Meinung geteilt hat, haben viele Menschen die “Raus aus Afghanistan”-Plakate der Linkspartei nicht wirklich ernstgenommen. Ich habe die Befürchtung, dass Afghanistan uns noch lange begleiten wird, und dass Deutschland unter zu Guttenberg und seinen Claqueuren in den Medien wieder zu einem kriegsbegeisterten Land wird. Eine schauderhafte Vorstellung…

Bilder: Agenda 2013

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9 Antworten zu “Angriff ist die beste Verteidigung”

  1. noyse sagt:

    Ein möglicher Hintergrund warum offiziell bisher niemand von Krieg spricht ist ein versicherungstechnischer:
    Mann kann bei der Bundeswehr eine Lebensversicherung, deren Abschluss im Übrigen vor dem Einsatz empfohlen wird, und sowas ähnliches wie eine Berufsunfähigskeitsversicherung abschliessen.

    Das Problem ist, soweit ich weiss, dass die «AGBs» eine Kriegsausschlussklausel haben. d.h. wird ein Soldat während des Einsatzes getötet, bekommen die Hinterbliebenen im falle eines «Kriegseinsatzes» keinen Pfennig, anders bei einem Friedenseinsatz.

  2. Na, der erste und wichtigste Schritt ist getan: das Kind beim Namen genannt! Nun kann man einfacher die wirklichen Zustände, Mißstände, etc. diskutieren, statt sie weiter zu tabuisieren. Gute Sache vom Guttenberg — egal, was man von ihm hält (bisher gibt es nur ein Image und keine wirkliche Aktion).

  3. Heyland`s sagt:

    zu Deinem vorletzten Halbsatz:
    da die Ablehnung der Amerikaner laut Gallup — Afghanistan — weiter steigt, die «Wahl» Karsais eskalierend wirken dürfte, Zinksärge wohl auch hier poulärer werden, kann ich mir hier einen inszenierten Hurra-Patriotismus nur schwer vorstellen. Das hätte sich nicht mal Jung getraut. Dregger vielleicht.…

  4. us sagt:

    @noyse: Ich kenne keine Versicherung die im Kriegsfall (und Bürgerkrieg ;)) zahlt. AFAIR schliessen die das auch für Zivilpersonen aus.
    Ein weiterer Grund für die Wortspielereien ist die Tatsache das ein ‘Krieg’ völkerrechtlich erklärt werden muß, man darf die Gefangenen dann nicht mehr einfach umnieten oder foltern, die Bevölkerung geniesst besonderen Schutz, reguläre Kombatanten müssen menschlich behandelt werden etc. Ein Krieg hat Regeln, und das passt einigen Protagonisten nicht so ganz in den Plan, deshalb lieber ‘Friedensmissionen’ und ‘Polizeiaktionen’.

    cu us

  5. Robert sagt:

    Es ist schon witzig, dass zwei Menschen mit unterschiedlichen Worten dasselbe meinen, der eine aber angegriffen, der andere aber dafür gelobt wird. Guttenberg mag zwar das Wirt «Krieg» in den Mund genommen haben, und das näher an Afghanistan als Jung, aber am Ende meinen beide dasselbe. Jung war blos etwas ungeschickter in seinen Formulierungen, Guttenberg nutzt umschmeichelnde Worte. Dass sich so viele von besser wirkenden Worten und mehr charmant und adrett wirkenden Person blenden lassen, hätt ich nicht gedacht. Und dass er den Konflikt in Afghanistan immer noch nicht als Krieg bezeichnet hat, scheint dabei keinem aufgefallen zu sein, oder es ist nicht mehr wichtig. Bei Jung wars das.

  6. phoibos sagt:

    «Ich verstehe jeden der sagt, in Afghanistan ist Krieg, so der beliebteste deutsche Minister.»

    er hat verständnis (und in erinnerung an eiskalte engel: er ist schwul) für leute, die der meinung sind, dass in afghanistan krieg sei (indirekte rede und konjunktiv, … ). ausgesagt hat er damit gar nichts, bis auf die tatsache, dass viele den «einsatz» schon seit langem für einen krieg halten. und das er verständnis für solcherlei leute hat — vielleicht ein verständnis, dass erwachsene kindern entgegenbringen, wenn sie der meinung sind, niemand könne sie sehen, weil sie sich die augen zuhalten? oder gar verständnis im sinne von eingeständnis? der baron hat sich jede tür offengehalten und eigentlich nichts handfestes gesagt.

  7. Kaum ein Wort ist in den letzten Jahren von Politikern und Ökonomen schlimmer verhunzt worden als ‘Vertrauen’. — Vertrauensbildende Maßnahmen…

  8. Chris sagt:

    @phoibos: Er hat das Wort Krieg in den Mund genommen, egal was er gemeint hat. Schau Dir die Schlagzeilen von heute an…

  9. Christian sagt:

    @noyse: Die Versicherungen kuemmern sich nicht darum, ob das jetzt offiziell ein Krieg ist oder nicht. Nach deren Definition ist es Krieg, also wird nicht gezahlt. Siehe Bund springt für Versicherer ein.

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