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Der Trick mit den Arbeitslosen

Kurt BeckDa muss man als regelmäßiger Beobachter der Medien in unserem Land zweimal hinschauen. Der Trick mit den Arbeitslosen überschreibt der Stern einen Artikel, der nichts anderes aussagt, als dass die offizielle Arbeitslosenstatistik falsche Zahlen liefert. Zu den mittlerweile 3,5 Millionen offiziellen Arbeitslosen komme noch eine große Zahl Arbeitsloser dazu, die an anderer Stelle geparkt werden. Darunter fallen Maßnahmen zur beruflichen Weiterbildung, Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, Vorruhestandsregellungen, Ich-AGs und Ein-Euro-Jobs, so Hans Peter Schütz vom Stern. Auf nichts Anderes wird auf F!XMBR, früher dem Desert Inn oder nebenan beim Spiegelfechter immer und immer hingewiesen. Ich bin ehrlich gesagt sprachlos, diesen kleinen Teil der Wahrheit nun auch beim Stern zu lesen. Nicht vergessen, das ist das gleiche Blatt, das unter Hans-Ulrich Jörges 2005 einen unsäglichen neolieberalen Wahlkampf geführt hat, pro Schwarz-Gelb, pro Wirtschaftsmagnaten — gegen den großen Teil der deutschen Bevölkerung. Es gibt Menschen in unserem Land, die haben die Artikel des Hans-Ulrich Jörges im Bundestagswahlkampf 2005 mit denen des Stürmers verglichen, eine (leider wohl erfolglose) Anzeige wegen Volksverhetzung war die Folge.

Und doch, wo ein kleines Lichtlein scheint, folgt auch wieder jede Menge Schatten — ist der Artikel des Sterns doch nur ein kleiner Teil der Wahrheit. Es fehlen jede Menge Zahlen. Es fehlen die Menschen, die einem Job nachgehen und trotzdem, weil sie einen Hungerlohn bekommen, zusätzlich Hartz IV bekommen. Es fehlt die Dunkelziffer von Menschen, die zu stolz sind, neben dem Job, Hartz IV zu beantragen. Zur ganzen Wahrheit fehlt ein Weitblick, den unsere Leitmedien nicht besitzen: Es fehlen zum Beispiel die Leiharbeiter, die nur einen Bruchteil von dem verdienen, was ihre fest angestellten Kollegen verdienen. Es gibt Unternehmen, die haben mehr Leiharbeiter beschäftigt, als normale Mitarbeiter — diese Konkurrenzsituation, fest angestellte Mitarbeiter vs. Leiharbeiter, neben dem Druck Hartz IV, Kündigung, gehört bei vielen Unternehmen mitterweile zur Firmenpolitik.

MerkelDie SPD wird — insbesondere in Person von Generalsekretär von Hubertus Heil — nicht müde, zu betonen, dass sie die Leiharbeit aus der Schmuddelecke geholt hat. Hätte sie sie mal da gelassen. Dort gehört sie hin, falsch, sie gehört gänzlich abgeschafft. Menschen werden verliehen, Menschen! In was für einer aszozial-faschistischen Welt muss man leben, wenn man stolz darauf ist, dass man den Markt Menschenverleihung aus der Schmuddelecke geholt hat. Hat das Ganze vielleicht damit zu tun, dass der ehemalige Superminister, der Mann, der von 20% Schmarotzern unter den Arbeitslosen sprach, offensichtlich seinem politischen Vorbild nacheiferte und somit die Hatz auf Arbeitslose erst angestoßen hat, nun genau in diesem Ressort sein Geld verdient? Richtig, Wolfgang Clement verdient nun seine Brötchen bei Adecco, dem laut Eigenwerbung Weltmarktführer für Personaldienstleistungen. Und nein, natürlich hat das alles nichts damit zu tun, dass dieser Mensch früher Arbeitsminister war und heute diese dreckige Form der Arbeit so stark gefördert wird. Da kann man schon sehr stolz drauf sein, nicht wahr. Auch diese Menschen, diese Leiharbeiter, die ich sehr schwierigen Verhältnissen ihr Geld verdienen, werden (selbstverständlich) bei solchen offíziellen Zahlen ausgeblendet, haben sie doch einen Job und sind nicht arbeitslos.

Natürlich könnte man die Zahl der Arbeitslosen feiern, wie es die Agentur für Arbeit tut, wie es die Kanzlerin tut — natürlich kann man sich wie die SPD auf einen Parteitag hinstellen und sagen, das ist unser Erfolg. Man kann aber auch darauf hinweisen, dass wir in unserem Land eine große Kinderarmut haben. Offiziell sind es knapp 2 Millionen Kinder, die unter Armut leben. Offiziell kann man aber von mindestens einer halben Million zusätzlicher Kinder ausgehen, die keine Zukunft in unserem Land haben. In der offiziellen Statistik werden nur die Kinder aufgeführt, die Transferleistungen erhalten. Kein Hartz IV, keine Armut, so die eiskalte Rechnung unserer Politiker. Und ich weiß, man mag nicht drüber nachdenken wollen — 30% [sic!] der deutschen Haushalte sind von Altersarmut bedroht, von der gesetzlich verordneten Zwangsverrentung ab 2008 ganz zu schweigen. Selbst wenn die Riester-Rente notwendig sein sollte (Stichwort Demografie-Mythos), kann sich der Großteil der Menschen in unserem Land kaum diese zusätzliche Versicherung leisten — das Gegenteil ist der Fall, bereits abgeschlossene Verträge, Lebensversicherungen werden gekündigt. Aber auch diese Wahrheit wird ausgeblendet, stört es doch nur Aufschwung-Happening unserer Politiker. Und dann gibt es tatsächlich aufrechte Parteisoldaten, die die Verlängerung des ALG I bei älteren Arbeitslosen als Almosen bezeichnen. Leute, seid doch einfach mal konsequent in Eurem Leben. Es ist eine Schande, dass Ihr Euch ein S auf die Fahnen schreibt — verschwindet doch einfach in die FDP oder meinetwegen noch weiter rechts. Ihr habt mit einem sozialem Zusammenleben, mit sozialer Politik, mit sozialen Gedanken so viel zu tun, wie ich mit dem Stricken!

WesterwelleDer Trick mit den Arbeitslosen ist ein überraschender Artikel, weil er aus dem Hause Gruner & Jahr kommt. Er zeigt einen kleinen Teil der Wahrheit auf — blendet aber die Gesamtsituation aus. Er kann, wenn er überhaupt wahrgenommen wird, nur dazu dienen, eine neue Diskussion anzustoßen. Wenn in Unions– und SPD-Reihen gejubelt wird, dass es in unserem Land erstmals über 40 Mio. Beschäftigte gibt, dann muss man dazu sagen, dass von diesen Beschäftigungen nur knapp 26 Mio. sozialversicherungspflichtig sind! Wenn Gruner & Jahr Artikel veröffentlicht, Ranglisten, aus denen hervorgeht, dass die Aldi-Brüder, die Quandt-Familie die Reichsten unseres Landes sind, dann muss man auf der anderen Seite darauf hinweisen, dass Kinder in unserem Land hungern, dass für Brot wieder gestohlen wird. Menschen hungern in einem der reichsten Industrieländer der Welt. In der Politik findet dies alles nicht statt — Almosen, Schmarotzer und andere Wörter werden per Boulevard der Bevölkerung eingetrichtert. Und das Volk schluckt es — am Ende des Monats reicht es nur für Spaghetti mit Tomatenketchup, schuld ist der Nachbar. Man kann wirklich nur hoffen, dass der Artkel des Sterns eine neue Debatte über die realen — wir haben doch angeblich so viele Realopolitiker — Begebenheiten in unserem Land anstößt. Allein mir fehlt der Glaube, leben wir doch in Zeiten des Aufschwungs.

Foto Kurt Beck: dream4akeem unter dieser Creative Commons-Lizenz stehend. Foto Angela Merkel: cgommel unter dieser Creative Commons-Lizenz stehend. Foto Guido Westerwelle: tgoldkamp unter dieser Creative Commons-Lizenz stehend.