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Die Flattr-Gang: die Rumänen-Gang 2.0

flattr_bettelei

Die Bettler, die man in deutschen Großstädten immer wieder sieht, sind heutzutage weitestgehend organisiert. Sie werden von Schwerstkriminellen ausgenutzt, oft sogar extra aus Osteuropa eingeschleust um auf den bekannten Meilen in Hamburg, Berlin und anderen Städten Geld einzutreiben. Oftmals sind es Kinder, Menschen mit Behinderungen – und der obligatorische Hund darf auch nicht fehlen. Hauptsache Mitleid wird erzeugt und der Rubel rollt. In den meisten Fällen haben die Bettler selbst nichts vom Geld, sie werden von Hintermännern zu ihrem Einsatzort gefahren, am Abend abgeholt und das Geld wird einkassiert. Wenn man es zynisch sehen will, kann man davon sprechen, dass selbst die Bettelei in Deutschland professionalisiert wurde. Im (deutschen) Internet wird man mittlerweile auch an jeder Stelle angebettelt. Die neue Wunderdroge des Web 2.0 nennt sich Flattr [1].

Die Flattr-Gang ist die Rumänen-Gang 2.0.

Es ist Monatsanfang, das heißt über Twitter laufen wieder die Wasserstandsmeldungen, wer wie viel über Flattr im letzten Monat eingenommen hat. Es geht nicht um Dankbarkeit, um Anerkennung, es geht ums Geld. Nicht mehr und nicht weniger. Wer diesen Umstand noch schön redet, lügt seine Leser an. Ganz bewusst. Heute habe ich Tim Pritlove [2] aus meiner Timeline geschmissen. Mir ging und geht diese ewige Flattr-Bettelei auf den Geist. Ich behaupte: das hätte es früher beim CCC nicht gegeben.

Auf der einen Seite werden immer wieder Facebook, Google und Co. wegen Datenschutzbedenken kritisiert, Flattr aber zum neuen Heilsbringer deklariert. Datenschutzbedenken bei Flattr werden ignoriert, es wird dazu geschwiegen – die wenigen, die darauf hinweisen [3], mit einem Kopfschütteln bedacht. Der CCC sollte sich durchaus fragen, ob man da noch auf dem richtigen Weg ist. Ich denke, man ist dort auf einem großen Irrweg.

Es wird gebettelt und oftmals mit fremden Inhalten Geld verdient. Es gibt so genannte deutsche Top-Blogs, deren Eigenleistung besteht im Regelfall daraus, Videos einzublenden, Zitate mit einem Satz eigener Meinung zu veröffentlichen und sich dies bezahlen zu lassen. Die Macher der Videos oder der Texte sehen keinen Cent — mit ihren Werken wird an anderer Stelle von anderen Menschen Geld verdient. Das läuft der ursprünglich kolportierten Idee von Flattr zuwider – und meiner Meinung auch der Creative Commons Lizenz, die häufig eingesetzt wird. Mir wäre das ehrlich gesagt zu peinlich.

Datenschutzbedenken, die fragwürdige Vergangenheit der Flattr-Gründer, Flattr selbst ist eine einzige Geldumverteilungsmaschine, Ausnahme sind natürlich die «großen» Blogs – all diese Punkte hält die Leute nicht davon ab, wie der ältere beinamputierte Herr in der Mönckebergstraße zu betteln. Es nervt nur noch und ich bin froh und glücklich über meinen Adblock Plus-Eintrag: [4]

api.flattr.com

Damit ist Ruhe. Wenn ich meine Reise durch das Netz antrete, ich werde nicht mehr an jeder Ecke angebettelt. Ich behaupte: Flattr ist nur so beliebt, weil es einfach gestrickt ist. Einmal angemeldet, per PayPal Geld überwiesen und schon reicht ein Knopfdruck, um der Bettelei nachzugeben. Genau diesem Umstand verdankt Flattr seinen Erfolg. Es muss nicht mehr nachgedacht werden, heute ein Klick — und morgen ist dieser Klick schon wieder vergessen. Böse Zungen könnten jetzt behaupten, es passt perfekt zur deutschen Blogosphäre: keine Nachhaltigkeit, kein Nachdenken, kaum Eigenleistung. Auf jeden Topf passt ein Deckel, somit scheint Flattr perfekt zum einen oder anderen Angebot zu passen.

flattr

Wer behauptet, ohne Flattr (und anderer Geldeinnahmen) würde das eine oder andere Angebot aus dem Netz verschwinden – who cares. Das Internet ist unendlich und für jedes eingestellte Projekt gibt es täglich unzählige neue Angebote.1 [5] Ich hatte es einmal in einem anderen Zusammenhang gesagt [6]: «Wenn morgen 98% der Blogs […] dicht machen, inklusive F!XMBR, dann interessiert das keinen Menschen.» Wenn man wenigstens so ehrlich wäre und offen zugeben würde, «ja, es geht ums Geld», dann könnte man mit dieser Ehrlichkeit noch gut leben. Mit der scheinheiligen und heuchlerischen Argumentation «Anerkennung und Dankbarkeit» kann man nur sagen:

Hört auf, mich anzubetteln!

Nachtrag: Ich lese gerade auf Twitter, dass der Artikel eine «Kampfansage an Tim Pritlove» sei. Das ist es mitnichten. Ich schätze Tim und das Chaos Radio Express. Der Artikel war auch schon fast fertig, bevor seine «Flattr-Tweets» das Fass (bei mir) zum Überlaufen gebracht haben. Es ist nichts persönliches, sondern eine generelle Geschichte.

  1. Und wem diese Argumentation bekannt vorkommt, richtig, das ist die Argumentation vieler Flattr-Heinis, wenn es um die etablierten Medien geht. [ [7]]