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Die falschen Tränen der Sozialverbände

Ich war gerne Zivildienstleistender. Damals hat die Mehrzahl von uns noch mit einer Einberufung rechnen müssen und wenn man verweigern wollte, musste man schon einen überzeugenden Roman schreiben [1] (PDF, 74 KB). Meinen Zivildienst habe ich in einem Kinderheim abgeleistet. 13 Monate waren es damals noch, es war ein Heim, wo Kids untergebracht waren, deren Eltern noch lebten, sie waren also keine Waisen. Aus welchen Gründen auch immer haben Eltern entschieden, ihre Kinder in ein Heim zu geben — oder Behörden und Gerichte hatten es veranlasst. Noch heute denke ich manchmal an meine Kids zurück, an Schwester Oberin, wie sie dreimal vor mir stand und mir mein Ticket für zu schnelles Fahren überreichte. Ich dürfte da noch heute den Rekord halten. Laut Koalitionsvertrag von Schwarz-Gelb soll der Wehr– und Zivildienst nun auf 6 Monate gesenkt werden. Das typische Beispiel eines sinnbefreiten Kompromisses zwischen Beibehaltung der allgemeinen Wehrpflicht und einer Berufsarmee. Die Sozialverbände fangen an, Sturm zu laufen — doch sind es falsche Tränen, die man hier beobachten kann.

Selbstverständlich sind 6 Monate Zivildienst nicht mehr ausreichend, um einen Menschen anzulernen und dann auch entsprechend einzusetzen. Gerade wenn Zivildienstleistende Kranken oder älteren Menschen beiseite gestellt werden, ist das kaum noch möglich — kaum hat man sich kennengelernt und vertraut einander, ist der Zivildienst schon wieder beendet, die Bezugsperson verlässt die zu pflegende Person schon wieder. Dieser Argumentation kann man sehr wohl etwas abgewinnen. Wenn nun aber die Sozialverbände aufschreien [2], dann sollte man das unter Klappern gehört zum Handwerk ablegen — schließlich ist schon vor langer Zeit dafür gesorgt worden, dass ausreichend Material vorhanden ist.

Wenn Kerstin Lohse vom ARD-Hauptstadtstudio nun fordert, mehr Festangestellte statt Zivis [3], dann sollte man mal wieder anmerken, dass unsere Medien ein wenig an ihrer Realitätsschraube drehen sollten. Vielleicht sollte unsere Vierte Gewalt einfach mal den Blick auf die naheliegendste Lösung werfen: den Ein-Euro-Jobbern. Gerade im sozialen Bereich werden Ein-Euro-Jobber mittlerweile zuhauf eingesetzt — und da es um soziale Tätigkeiten geht, werden diese Jobs in der Regel schnell und unbürokratisch von der Arbeitsagentur genehmigt, sogar massiv vorangetrieben. Wenn sich manche Organisationen nun zurückhaltend äußern, was den Zivildienst angeht, dann sollte man wissen, dass das System ganz schnell auf die so genannten Ein-Euro-Jobs umgestellt werden kann und wird. Es ist bereits teilweise geschehen.

Das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) hat gerade erst in Zusammenarbeit mit dem Institut für Arbeitsmarkt– und Berufsforschung aufzeigt, dass in sozialen Vereinen, Wohlfahrtsorganisationen, Sport– und Hobbyvereinen oder Initiativen und Projekten, die sich mit Umweltfragen beschäftigen, eine weitere Verschlechterung der Arbeitsverhältnisse und die Entwicklung zum Niedriglohnsektor droht. Grund dafür ist die zunehmende Dominanz von Teilzeit– und Ein-Euro-Jobs bzw. befristeten Arbeitsverträgen [4]. Um es ganz direkt sagen: Unser Land produziert mehr als genügend Zwangsarbeiter, um die Lücke zu füllen, die durch einen eventuellen Wegfall des Zivildienstes entstehen würde.

Das Tränen der Sozialverbände sind falsch. Sie sind als Aufforderung an die Politik zu verstehen, weiter für Nachschub zu sorgen, weiter Ein-Euro-Jobber zu liefern — es gibt bereits Diskussionen und Forderungen nach Null-Euro-Jobbern, diese sollen nicht nur gemeinnützig eingesetzt werden, es gibt bereits Überlegungen, ihren Einsatzbereich in den privaten und wirtschaftlichen Sektor auszuweiten. Der soziale Bereich ist in unserem Land mittlerweile ein riesiger Markt — und ich bewundere jeden Menschen, der in diesem Bereich Tag für Tag, oftmals für einen Hungerlohn, arbeitet. Die Sozialverbände jedoch, die sich immer wieder über die Medien an die Politik richten und sich echauffieren, sind einfache Lobbyisten in eigener Sache. Nicht mehr und nicht weniger. Oftmals hört dort das Soziale schon bei den eigenen Mitarbeitern auf. Und ich bin mir sicher, die Zukunft wird zeigen, dass Ein-Euro-Jobber die Lücke füllen werden, die der Wegfall des sinnvollen Einsatzes von Zivildienstleistenden, reißen wird.