9/11 — Es war ein ganz normaler Tag

9/11. 2001 war ich Assistent der Geschäftsführung der damals größten TV-Nachrichtenagentur. Es war ein Tag wie jeder andere. Wir sind morgens aufgestanden, doch als wir ins Bett gingen, war die Welt eine andere. Ich saß am frühen Nachmittag in meinem Büro, unser Redaktionsleiter kam vorbei, wir scherzten, lachten, tranken eine Tasse Kaffee und redeten über die nachrichtenarme Zeit. Das Handy unseres Redaktionsleiter klingelte, er meinte nur, da sei wohl eine Cessna ins World Trade Center geflogen. Ich schaltete den Fernseher in meinem Büro ein, wir sahen die Rauchschwaden, 10 Minuten später flog eine weitere Maschine in  den zweiten Turm des WTC. Während unser Redaktionsleiter sofort begriff und von einem Anschlag sprach, war für mich die Situation überhaupt nicht greifbar, ich habe mich innerlich gefragt, wie es sein kann, dass zwei Flugzeuge in die Zwillingstürme fliegen können. Ein Anschlag diesen Ausmaßes war für mich nicht vorstellbar.

Wir gingen natürlich sofort nach unten in den Redaktion, wo auf allen 60 Bildschirmen CNN lief. Wir verfolgten die Bilder, aus Ahnung wurde Gewissheit, Schröder, Bush und andere Führer der freien Welt traten vor die Kameras. Am Abend saß ich mit meinem Chef in seinem Büro, und er sagte, dass wir nun eigentlich den Laden für 2 Wochen schließen könnten, die nächsten Wochen und Monate wären einzig und allein für die Weltlage bestimmt. Am nächsten Tag hieß es noch, aus deutschen Landen Reaktionen zu beschaffen, so setzte ich mich damals ins Auto und fuhr die Brennpunkte in Hamburg ab, um unseren Kameraleuten leere Bänder zu bringen und die bespielten in die Redaktion zu bringen. Ich konnte damals noch fast mit meinem Firmenwagen direkt vor das amerikanische Konsulat vorfahren, heute ist es weiträumig abgesperrt.

Doch dann geriet die Hamburger Terrorzelle, angeführt von Mohammed Atta, in den Blickpunkt der Öffentlichkeit. So skurril es klingt, da war es dann mit den ungewollten ruhigen Wochen für uns vorbei. Die Marienstraße, in der ich mir noch ein Jahr vorher, als ich nach Hamburg zog, eine Wohnung angeschaut hatte, wurde von uns besucht, wie die TU Harburg und natürlich wurden auch einige Kommilitonen von Atta angesprochen. Die bekanntesten Bilder gelangen einem unserer Kameraleute, als dieser Mounir al Motassadeq beim Einkaufen filmte. al-Motassadeq wurde später als erster Terrorist weltweit wegen Beilhilfe zu Mord und der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt. Für mich ist der 11. September eine eher unwirklich Erinnerung: Ich habe damals lange gebraucht, bis ich verstehen konnte, dass es wirklich Terroranschläge waren, gleichzeitig musste unser Job professionell weitergeführt werden. Ich war mittendrin, meine Zahlen, die mein eigentlicher Job waren, traten für Tage in den Hintergrund.

Seitdem hat sich die Welt, wie wir sie kannten, verändert, unser Leben ist nicht mehr dasselbe. Es folgten Militärschläge und Kriege — doch nicht nur in fernen Ländern wird gekämpft: Sogenannte Anti-Terror-Gesetz setzten der freien westlichen Welt ein Ende. Die Überwachung der eigenen Bevölkerung, das stetige Beschneiden der Bürgerrechte wird Jahr für Jahr vorangetrieben, der Sicherheit wegen. Terrorismus hat insbesondere ein Ziel: Angst und Schrecken zu verbreiten. Dieses Ziel ist von Mohammed Atta, Mounir al Motassadeq und den anderen Attentätern des 11. September erreicht worden.

Die Innenpolitik der USA, von England, Deutschland und anderen Ländern wird nicht mehr durch Maß und Vernunft bestimmt, sondern durch Angst. Gerät ein vermeintlicher Attentäter in den Fokus der Öffentlichkeit, wird darüber diskutiert, Sicherheitsgesetze zu verschärfen, wie es heißt, die Überwachung der Bevölkerung soll ausgebaut werden, Bürgerrechte, so scheint es, sind für Politiker aus allen Lagern, eher hinderlich und man hat den Eindruck, mancher Politiker empfindet diese als lästig. Nicht selten musste in unserem Land das Bundesverfassungsgericht einschreiten, um paranoide Politiker zu stoppen, die sich, und das das Traurige, auf eine breite Unterstützung innerhalb der Bevölkerung stützen können.

US-Präsident Barack Obama hat heute in einer Radioansprache gesagt: «Als Amerikaner weigern wir uns, Angst zu haben». Das entspricht nun wirklich nicht der Wahrheit. Aus den stolzen USA ist ein Land der Feiglinge geworden — übertragen lässt sich das natürlich auch auf England, Deutschland und andere westliche Länder. Aus dieser Angst heraus ist für die Politik und unsere Sicherheitsbehörden per se jeder Bürger verdächtig — und auch wenn es vor unseren Gerichten noch einen anderen Grundsatz gibt, so hat man oft das Gefühl, als müsse man gegenüber dem Staat seine Unschuld beweisen. In den westlichen Staaten wird den Bürgern ebenso wenig vertraut, wie in anderen Staaten, auf die gerne mit dem Finger gezeigt wird.

Wir werden den sogenannten Krieg gegen den Terror erst überwinden und gewinnen, wenn wir unsere Angst besiegt haben. Ich freue mich auf den Tag, an denen die Sicherheitsbehörden einfach nur beglückwünscht werden, wenn ein Schlag gegen den Terrorismus gelingt, solche Dinge nicht dafür genutzt werden, um neue Überwachungsgesetze zu fordern, unsere Bürgerrechte wie als lästiges Beiwerk aus vergangenen Zeiten behandelt werden. Dass es Terrorismus gibt, ist unbestritten, doch sollten wir 10 Jahre nach den Anschlägen vom 11. September endlich lernen, damit umzugehen.

Terrorismus lässt sich nicht dadurch besiegen, die eigene Bevölkerung fortwährend zu überwachen und auszuspionieren. Der internationale Terrorismus wird erst besiegt, wenn Angst nicht mehr unser politisches Handeln bestimmt. Der Massenmörder Osama bin Laden ist mittlerweile Fischfutter auf dem Grund des Ozeans — und doch, so scheint es, wenn man sich die Entwicklungen der letzten 10 Jahre anschaut, hat er einen großen Sieg davongetragen. Wir müssen endlich das Blatt wenden. Al-Qaida ist kein Mythos, Al-Qaida ist eine kriminelle und terroristische Vereinigung. Nicht mehr und nicht weniger. Wir sind stark genug, damit umzugehen.

Wir brauchen keine Angst mehr zu haben.
Freiheit bedeutet Mut.
Nicht nur unsere Politik sollte endlich diesen Mut aufbringen.

Disclosure: Ich werde in Zukunft, den einen oder anderen Text von Google+ crossposten, weil mich ein paar Mails erreicht haben, man lese hier, von Google+ aber die Finger lassen würde.

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2 Antworten zu “9/11 — Es war ein ganz normaler Tag”

  1. Tobi-Wan sagt:

    Angst zu empfinden, nachdem ein Terroranschlag stattgefunden hat, ist ebenso menschlich wie rational. Attacken wie die vom 11. September machen greifbar, was vorher abstrakt war. Ängste auszunutzen, um die schwierige Balance von Freiheit und Sicherheit zulasten ersterer zu verschieben, das ist — da gebe ich Christian Recht — die falsche politische Reaktion. Jede einzelne Anti-Terror-Maßnahme muss für sich hinsichtlich ihrer Kosten und Nutzen bewertet werden, was wohl oft gar nicht leicht ist. Was wir darüber hinaus dringend brauchen, ist eine langfristig orientierte Außenpolitik, die auch die westliche Verantwortung für die Entstehung terroristischer Organisationen mit im Blick hat und deswegen so ausgerichtet sein muss, dass wir den muslimischen Ländern auf Augenhöhe begegnen. Diese geweitete Perspektive vermisse ich in vielen Diskussionen, bei denen um die Eindämmung des islamistischen Terrors gestritten wird.

  2. […] und so zeigt sich, dass die Terroristen ihr Ziel erreicht haben,  die westlichen Demokratien haben sich nach den Anschlägen selbst abgeschafft. Siehe auch: Klick […]

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