26 Prozent

SPD-FahnenWenn ich im Moment mit den ganzen SPD-Artikeln nerve — nichts bei denken. Die Partei mit dem Sockenschuß© by Oliver gibt einfach ein zu schönes Ziel ab. Endlich, nach so vielen Jahren bekommt sie das, was sie verdient. Die Menschen in diesem Land wachen endlich auf. Zwar langsam — aber sicher. Erinnert sich wer an den Parteitag letzten Monat hier in Hamburg? Ein mediales Feuerwerk sondergleichen. Die SPD und ihr Linksruck. Münte zitierte Wehner, er sei noch lange nicht ausgetrocknet — denkste. Kurt Beck war der große Sieger, ebenso seine Stellvertreter, die allesamt mit sehr guten Ergebnissen in ihren Ämter gewählt wurden. Alles war wunderbar — ein Startschuss für eine neue SPD? Der Einstieg in den Wahlkampf 2009? Ein Ruck, der durch die Bevölkerung geht? Man sollte meinen, dem sei zumindest in den ersten Wochen so. Nachdem in allen abhängigen Medien zu lesen war, wie toll die neue SPD doch ist, wie sehr sie nach links gerutscht ist, sollte man meinen, dass es zumindest in den Umfragewerten nach oben geht. Weit gefehlt. Selbst ein Parteitag der SPD, der das Hamburger Programm, den SPD-Leitfaden für die nächsten Jahre beschlossen hat, ein Parteitag, auf dem es nur strahlende Sieger gab — ein Parteitag, der medial ausschließlich positiv ausgeschlachtet wurde, weil er keine Konkurrenz hatte, selbst von so einem Parteitag lassen sich die Menschen nicht mehr blenden. Laut der wöchentlichen Forsa-Umfrage verharrt die SPD immer noch bei 26%.

Die meisten von Euch wissen, dass ich der Meinung bin, dass es immer noch 26% zu viel sind — doch ist das natürlich sensationell, wenn nach dieser medialen Schlacht, einer vom Journalismus gottgleichen ausgerufenen SPD immer noch, wie die Wochen zuvor, 26% sind. Als Umkehrschluß muss man annehmen, dass es immer noch ein paar Stammwähler gibt, vielleicht ein paar Wähler, die das geringere Übel in der SPD sehen — die Wechselwähler jedoch, die die ihre Entscheidung wöchentlich an den Entwicklungen anpassen, die haben die SPD nicht mehr auf dem Zettel.

Das ist und bleibt eine Vernichtung der SPD — eine Selbstvernichtung, die vor Jahren eingeleitet wurde. Wenn es nur die Wähler wären, die kann man mit einem Coup evtl. noch einmal mobilisieren — aber das Grundgerüst fällt mittlerweile auch in sich zusammen. Es mag noch den einen oder anderen treuen Genossen geben, vielleicht kann man ja mal ein Amt ergattern — doch wenn man sich die Mitgliederzahlen anschaut, ist es der pure Wahnsinn. Zwischen 1990 und 2006 hat die SPD 40% ihrer Mitglieder verloren. Waren es Mitte der 70’er Jahre noch über eine Million Mitglieder waren es Ende letzten Jahres gerade nochmal 570.000 Genossen. Es besteht die Gefahr, dass die SPD bald nicht mehr die größte Partei in unserem Land ist — aber Hauptsache man feiert sich auf einem Parteitag selbst.

Manfred Güllner ist Chef von Forsa — immer, wenn der gute Mann im TV zu sehen ist, schalte ich um. Güllner kommt bei mir dermaßen altklug und arrogant, unsympathisch rüber, dafür ist meine Zeit ganz einfach zu schade. In einem Interview mit der taz jedoch macht er deutlich, wie sehr die SPD die Wurzeln verloren hat. Selbst in ehemaligen SPD-Hochburgen wie Duisburg sitzen Oberbürgermeister aus der CDU, und auf den Straßen sieht man nichts mehr von den Sozialdemokraten — so Güllner zu dem Zustand der SPD im tiefroten NRW. Wenn ich mit Falk spreche, berichtet er mir Ähnliches. Meine eigenen Beobachtungen zeigen das gleiche: Die Stadtteilfeste der SPD werden schon gar nicht mehr besucht. Während bei der Linken eine Aufbruchstimmung zu beobachten ist, die Leute interessieren sich für die Neuen, man nähert sich vorsichtig, hat ja auch ein paar Vorurteile, bedingt durch die abhängige Presse, wird die SPD größtenteils — Achtung Wortspiel — links liegengelassen. Stadtteilfeste der SPD sind — obwohl öffentlich — zu reinen Parteiveranstaltungen verkommen, die Distanz zwischen SPD und Menschen ist praktisch greifbar.

Was ich eigentlich sagen wollte: 26 Prozent1 — das ist der pure Wahnsinn. Damit hätte ich nach diesem Parteitag nie gerechnet — ich habe mindestens mit 3% bis 4% mehr gerechnet. Die neuen, alten Zahlen zeigen eindeutig — wann fangen innerhalb der SPD eigentlich mal an, die Alarmglocken zu schrillen — wie sehr die SPD in Trümmern liegt.

  1. Der Infratest dimap Deutschlandtest zeigt die gleiche Entwicklung, auch wenn die SPD dort bei 30% liegt, dort sind weitere begleitende Informationen zu lesen. []

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6 Antworten zu “26 Prozent”

  1. Deine Freude über die Implosion der SPD in allen Ehren … aber was sind denn die Alternativen? Und wie man sich — aus Deiner Warte — darüber freuen kann, daß in Duisburg mittlerweile ein CDU-Schulze regiert, ist mir nun komplett unverständlich. Denn noch (und auch noch sehr lange, meine ich) gilt: Die SPD mag schlimm sein, aber die CDU ist noch viel schlimmer!

    Und daß es bei einer der nächsten Wahlen zu einem tragfähigen Regierungsbündnis links von der SPD kommen wird, glaubst Du doch wohl auch nicht. Wo also hin? In eine Regierung, in der die SPD nicht machen kann, was sie will! Also Rot-rot-grün oder Rot-gelb-grün oder sowas.

    Solange die Rechten von der Schwäche der SPD profitieren, sehe ich darin vielleicht einen Grund für Häme und Schadenfreude, keineswegs aber eine positive Entwicklung für unser Land.

  2. Falk sagt:

    Und wie man sich…darüber freuen kann, daß in Duisburg mittlerweile ein CDU-Schulze regiert

    Ich, als der angesprochene Duisburger, les da keineswegs Freude darüber. Sondern schlicht die Beobachtung, daß selbst in Städten, die eigentlich seit Jahrzehnten alles andere als konservativ daherkommen, keine SPD-Mitglieder als Bürgermeister agieren. Das ist ähnlich erschreckend, wie die CDU-geführte Landesregierung hier in NRW. Das jetzt der Ausverkauf beginnt, werden die Menschen in ein paar Jahren verstehen. Dann ist es leider zu spät…

  3. Oliver sagt:

    >Deine Freude über die Implosion der SPD in allen Ehren … aber was sind denn die Alternativen?

    Die alte Mär von der fehlenden Alternative und da diese nicht existiert darf man auch nicht kritisieren, denn irgendwie «besser» ist die SPD ja noch immer. Das S im Namen sorgt dafür, ebenso wie das C bei der CDU immer noch ein wenig an Konservative erinnert. Nonsense.

    Wenn das Volk mal schnallt das dies ein gesellschaftlichtes Problem ist, dann ändert sich vielleicht etwas. Diese Politiker sind Leute aus unserer Mitte, die hier geboren wurden, die in der Regel hier aufwuchsen, hier lernten, hier ihre Erfahrung sammelten. Somit sind sie auch ein Spiegelbild eines Teils der Gesellschaft. Und viele die so könnten, würden auch nur allzu gerne … die Macht, das Geld etc. Die kleine Menge konsequent Andersdenkender macht vielleicht eine Promille aus. Jammern ist das eine, konsequent handeln das andere. Insofern ist es Jacke wie Hose ob nun CDU oder SPD.

  4. Versteht mich nicht falsch, Kritik an der SPD und ihrem zum Teil skandalösem Verhalten muß sein! Nur die Freude darüber, daß die SPD langsam desintegriert, kann ich nicht teilen, da es ohne sie halt noch schlimmer wäre.

  5. Chris sagt:

    Buntklicker, einmal bitte hier lesen, danke — dann erübrigt sich hier jede weitere Diskussion über das kleinere Übel. Das ist nämlich Blödsinn.

  6. Sophie sagt:

    Wie nur kann die SPD als «kleineres Übel» empfunden werden? (rational wie emmotional)

    «Agenda 2010″ bedeutet nichts geringesers als DEN Paradigmenswechsel.
    Sie hat, seit dem Bestehen der Bundesrepublik, die größte Entrechtung der Arbeiter/innen und Arbeits/losen zur Folge und hemmungslos wie feige richtet sie sich gegen die Schwächsten unserer Gesellschaft.

    Darüber können die Konservativen zwar freilich frohlocken — selbst aber diese «Agenda» nur annähernd auch umzusetzten (also ohnne Steilvorlage der SPD) hätten die Schwarzen sich nie getraut!

    Und da «ist» die SPD das «kleinere …

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