12 Wochen

SchleifeAls ich sie auf dem Geburtstag meiner Schwester kennenlernte, war ich ihr sofort verfallen. Ihr Lächeln, Ihr Duft, ich hatte noch kein Wort mit ihr gewechselt und schon das Gefühl, als würde ich sie seit Jahren kennen. Als meine kleine Schwester uns vorstellte, habe ich vor Nervosität fast das Glas Wasser fallen lassen. Mein Blick wanderte von ihrem Gesicht, zu meiner Schwester, zu ihrem Dekolleté, verlegen zur Decke. Ich fühlte mich wieder wie ein Teenager. Der Rest der Geburtstagsgesellschaft bemerkte dies natürlich auch. Wie das immer so ist, bestritten wir beide unser Verhalten noch Tage später. Und auch noch Tage später wurde über uns getuschelt. Wie das immer so ist. Und wie kleine Schwestern so sind, sorgte sie dafür, dass ich an diesem Abend neben ihr sitzen “musste”. Ihr Parfüm betörte mich, ihr Humor fing mich ein, ihre Schlagfertigkeit forderte mich hinaus, ihre Erotik ließ meinen Verstand aussetzen. Was als der Abend meiner Schwester begann, wurde eine Reise zu den schönsten Gefühlen eines Menschen. Das Kennenlernen, das gemeinsame Lachen, das gegenseitige Interesse, das Flirten, das Gefühl inmitten von Menschen nur noch einen Menschen zu sehen. Und als die Party sich dem Ende zuneigte, nahmen wir beide natürlich ein gemeinsames Taxi. Im Taxi der erste Kuss. Ein gemeinsames Ziel. Ein lächelnder Taxifahrer. Herzklopfen.

Ohne ein weiteres Wort zu wechseln stiegen wir gemeinsam vor ihrer Wohnung aus dem Wagen. Als sie ihre Wohnung aufschloss, umarmte ich sie von hinten, spürte ihre Wärme. Sie drehte sich, ließ sich in meinen Arm fallen, spürte meine Erregung, stöhnte und fing an, mich zu entkleiden. Unser Verlangen war grenzenlos. Ich spürte ihre Hände, überall, an meinem gesamten Körper, ich ließ sie meine Zunge spüren, schmeckte sie. Sie schrie während mein Verlangen mich verzerrte. Sie zog mich auf sich und einem inneren Impuls heraus griff ich noch schnell nach einem Kondom, welches ich an diesem einen Tag zufällig in der Tasche hatte. Ich hatte doch “nur” vor, Geburtstag zu feiern. Es war der Sex meines Lebens. Intensiv, leidenschaftlich, zärtlich, unbeschreiblich schön. Erschöpfend.

Und doch war es nur Sex. In den Tagen später wurde uns bewusst, dass unsere Leben und Vorstellungen trotz aller Gemeinsamkeiten nicht zusammenpassten. Es tat weh. Für uns beiden war es aber die richtige Entscheidung. Meine Schwester fluchte. Wie konnte ich das nur ihrer Freundin antun? Ich stürzte mich in Arbeit. Nein, ein schlechtes Gewissen wollte ich mir nicht einreden lassen. Oder doch? Ich wählte ihre Telefonnummer und bevor es klingelte, legte ich wieder auf. Nein, es hätte nicht funktioniert. Ich wählte den einfachen Weg, stürzte mich in ein neues Projekt und ließ meine kleine Schwester “beleidigte Leberwurst” spielen. Das beherrschte sie schon als Kind perfekt. Nicht mit mir, Schwesterherz.

6 Monate später klingelte mein Telefon. Sie war es. Es war, als hätten wir uns erst den Tag davor gesehen. Und doch, irgendwie schien es, als hätte sie ihre Unbekümmertheit verloren. “Ich muss mit dir reden.” Mein Herz klopfte schneller bei diesem Satz. Wir verabredeten uns für den nächsten Tag. Wie Männer so sind, dachte ich an alles und an nichts, besonders aber an eine Sache. Ich bereitete mich darauf vor, Vater zu werden. Ich freute mich. Ich wartete in meiner Wohnung, voller Ungeduld, setzte frischen Kaffee auf und besorgte noch zwei Stück Torte beim Bäcker nebenan. Als es endlich an der Haustür klingelte, hatte ich mir schon mehrere Namen für mein erstes Kind überlegt. Ich hoffte, den freudig Überraschten gut spielen zu können.

Als ich sie dann sah, wich ich fast erschrocken zurück. Das war nicht die wunderschöne Frau, die ich noch vor wenigen Monaten kennengelernt hatte. Ungepflegt, fast leichenblass, zitternd stand sie vor mich und lächelte mich verlegen an. Ich bat sie rein und als wir am Küchentisch saßen, kam sie ohne große Umschweife zum Grund ihres Besuches: “Ich bin HIV-positiv.” Ein Satz wie eine schallende Ohrfeige. Vom Hören bis zum Verstehen vergingen mehrere Sekunden. “Wie konnte das passieren?” Was für eine bescheuerte Frage in dieser Situation, sie fing an zu weinen, ich nahm sie in den Arm und fühlte mich dabei unsicher, schlecht. Ich dachte dabei nur an mich, nicht an sie. Warum ich? Sind ihre Tränen ansteckend? Ich wollte schreien.

“Du solltest auch einen Test machen lassen.” Die Sachlichkeit, mit der sie diesem Satz sagte, ließ mich erzittern und plötzlich panische Angst empfinden. Wir tauschten noch Belanglosigkeiten aus, ich verabschiedete sie sehr schnell und war allein. Den restlichen Tag ging ich in meiner Wohnung auf und ab. Die Nacht kam, ich schlief nicht eine Minute um am nächsten Morgen endlich meinen Arzt anzurufen. Ich bekam sofort einen Termin, mir wurde Blut abgenommen. Ich war voller Angst und als mein Blut floss, meinte natürlich auch, die Angst der Arzthelferin zu erkennen. Dieses wunderschöne intensive Rot. So gefährlich? 4 Tage später das erste Ergebnis: negativ. Die Freude währte kurz, ein nahezu sicheres Ergebnis ist erst 12 Wochen nach einer eventuellen Ansteckung möglich. Ich hatte dem Arzt nicht gesagt, dass der Sex schon länger zurück lag. Woher sollte ich auch wissen, wie wichtig das ist? HIV hatten doch nur die anderen. Wieder warten. Wie lange denn noch?

Diese folgenden 12 Wochen waren die schlimmsten meines Lebens. Selbst meine Schwester schaffte es nicht, mich zu motivieren, mich zum Lachen, auf andere Gedanken zu bringen. Noch nie habe ich so wenig geschlafen, wie zu dieser Zeit. Ich war nicht mehr ich, stand neben mir, umgeben von glücklichen und lachenden Menschen. Das Selbstmitleid fraß mich fast auf. 12 Wochen später stand dann fest, dass ich mich nicht angesteckt hatte. Ein kleiner Impuls, diesmal doch das Kondom zu benutzen, hatte mich geschützt. Nicht immer hatte ich eines dabei. “Vater werden ist nicht schwer, Vater sein, dagegen sehr.” Dieser Satz, der seit Jahrzehnten von Generation zu Generation weitergetragen wird, lässt sich in heutiger Zeit ebenso auf das HIV-Virus übertragen.

Ich lebe heute viel bewusster, als vor dieser Zeit. Ich genieße die Minuten und Stunden, die mir zur Verfügung steht. Ich lebe viel intensiver, ich verbringe mehr Zeit mit den Menschen, die mir wichtig sind. Als vor drei Wochen der Fall einer HIV-positiven Sängerin durch die Medien ging, musste ich wieder an “meine” 12 Wochen denken. Ich rief sie an und lud sie auf einen Kaffee in die Innenstadt ein. Ich wartete, und als sie das Kaffee betrat, sah ich einen Geist. Ihr wunderschönes Haar war zum Teil ausgefallen, tiefe Ringe unter den Augen zeugten von wenig Schlaf. Sie war um Jahre gealtert. Während wir den Kaffee tranken, nahm sie mehrere Pillen. Waren es ihre Medikamente? Oder doch mehr? Ich kann es nicht sagen. Ich besuchte noch am selben Tag meine Familie, nahm jeden einzelnen in den Arm.

Vor ein paar Jahren habe ich fast einmal mein Leben zerstört, meine Gesundheit. HIV wird auch heute noch kaum in der Gesellschaft thematisiert. Selbst ich versuche es immer wieder zu verdrängen. Dabei ist das Thema noch immer aktuell und kann uns alle treffen. Ich sehe sie heute wieder öfters und versuche einfach für sie da zu sein. Vor ein paar Jahren hat sich zwischen uns keine Liebe entwickelt, dafür in den letzten zwei Wochen eine neue Freundschaft. Ich hoffe, diese noch lange genießen zu können und ihr die Stärke geben zu können, die ich ihr schon in den letzten Jahren hätte geben sollen. Letzte Woche hat sie das erste Mal wieder von Herzen gelacht. Ich bewundere sie.

Rosebud

, , , , , ,

13 Antworten zu “12 Wochen”

  1. Anonymous sagt:

    Sehr schöner Text, Kompliment. Dem Thema sollte mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden, so schnell kann es einen persönlich erreichen.

  2. Max sagt:

    Wow! was für ein stil. Sehr ergreifend. Während ich den Text durchlas, musste ich an mein Sexleben denken…

  3. kobalt sagt:

    Erschreckend. Auch weil die Schilderung so gut nachvollziehbar ist.

  4. Jan sagt:

    Eins ist mir ja nicht ganz klar, wozu der zweite Test. Schließlich hattest du 6 Monate keine Kontakt = 24 Wochen, also weit mehr als die 12 Wochen die es für den Ausschluß einer Infektion benötigt.

  5. peter sagt:

    wow… grandios. in der letzten zeit kaum so was schoenes gelesen. und ja es sollte viel mehr im thema stehen.

  6. Puuuhh, …, nebenbei, und wirklich nur nebenbei bei dieser Geschichte, toll geschrieben.

    Manueller Trackback

  7. […] Ziel. Ein lächelnder Taxifahrer. Herzklopfen.Weiter geht es mit dem Text von Rosebud auf fixmbr.de. in RealLife um 11:02 | Kommentare (0) | Trackbacks (0) | Twitter Post | Identi.ca Post Tags […]

  8. Rosebud sagt:

    Hallo Jan. Selbstverständlich hast du recht. Dass ausgerechnet der Text an einer der entscheidensten Stellen falsch ausgedrückt wurde, ist Mist. Entschuldigung. Voller Panik hatte ich meinem Arzt unterschlagen, dass die Geschichte schon länger her war. Voller Panik zu ihm hin. Test, Test, Test. Nach 4 Tagen das Ergebnis. Sicher gehen können wir aber erst in 12 Wochen. Nach 12 Wochen Horror dann die Erleichterung. Damals war für mich HIV=AIDS, ich hatte keine Ahnung und gewiss auch Vorurteile wie man sie kennt. Danke für die Nachfrage. Ich werde Christian eine Mail schreiben. Mit korrektem Absatz.

  9. Chris sagt:

    Ist korrigiert. Auch auf diesem Weg mal meinen Dank für diese tollen Texte. :)

    Nachtrag: Text noch einmal nach oben geholt und auf Wunsch das Bild geändert.

  10. Hallo Rosebud,

    Danke für deinen Text.

    Er geht viel tiefer als irgendwelche Diskussionsrunden oder theoretischen Beschreibungen im Netz. Ich hoffe er erreicht viele Menschen und erinnert sie an grundlegende Vorsicht — und daran, dass das «Schicksal» eines Menschen oft einfach Glück sein kann.

  11. Fundstücke #5…

    12 Wochen · TinyChat · HTML Decoder · Missbrauch missbrauchen · Ein Schrei · Peng, du bist tot! · Frauen am Steuer · Wolfram|Alpha · Lego Half-Life 2 · Conky Desktop Themes · Du bist Terrorist
    .…..

  12. dakira sagt:

    Wow. Danke an rosebud fuer diesen grandiosen Text. Meine Verbeugung dafuer. Und danke an Chris fuer die Veroeffentlichung.

  13. […] am 21. Februar 2010 Eine sehr gut geschriebene Kurzgeschichte von Gastautor Rosebud hat Chris bei F!xmbr veröffentlicht – zu einem mittlerweile „gut“ verdrängten Thema. Bedenke, bevor Du […]

RSS-Feed abonnieren